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Neuer DLV-Vorsitzender
Die Baustellen der Leichtathletik

Jürgen Kessing wird Vorsitzender des Deutschen Leichtathletik-Verbands
Jürgen Kessing. FOTO: dpa, jps nic jhe
Düsseldorf. Nach 17 Jahren bekommt der Deutsche Leichtathletik-Verband heute einen neuen Vorsitzenden. An Arbeit mangelt es nicht - an der Spitze genauso wenig wie an der Basis. Von Stefan Klüttermann

Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, dass der Präsident eines Spitzensportverbandes mit einer von Herzen kommenden Laudatio aus dem Amt verabschiedet wird. Bei Clemens Prokop wird es heute so sein, wenn er auf dem Verbandstag des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) in Darmstadt nach fast 17 Jahren als Präsident ausscheidet. 17 Jahre, in denen sich der 60-jährige Jurist einen Ruf als integrer Funktionär und international anerkannter Anti-Doping-Kämpfer erarbeitet hat.

Um seine Nachfolge gibt es kein Hauen und Stechen: Kommunalpolitiker Jürgen Kessing ist der einzige Kandidat. Er formulierte schon eine erste Aufgabe für den Fall seiner Wahl. "Mein Ziel wäre schon, die Leichtathletik als olympische Kernsportart in der öffentlichen Wahrnehmung wieder mehr in den Vordergrund rücken zu können", sagte Kessing der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Indes, das ist nicht die einzige Baustelle, auf der die Leichtathletik beschäftigt ist.

Nachwuchsgewinnung Wie und wo erreicht man die Talente von morgen? Diese Frage beantworten Sportverbände in der Regel mit Präsenz im Schulsport. Das Problem der Leichtathletik: "Es gibt keine flächendeckenden Talent-Sichtungs- und Förderprogramme. Talentfindung ist in Deutschland eine Zufallsgeschichte", findet Michael Huke, Manager der Sprinter-Hochburg TV Wattenscheid. Überdies konkurriert die Leichtathletik heute mit zig anderen Sportarten, die alle im Sportunterricht vorkommen wollen. Da ist die zentrale Rolle, die "Laufen, Springen, Werfen" jahrzehntelang innehatte, keine Selbstverständlichkeit mehr.

Attraktivität Nachwuchsgewinnung ist nicht nur bei den Aktiven ein Thema. Auch bei den Zuschauern braucht die Leichtathletik eine Frischzellenkur. "Ein Patentrezept gibt es nicht", sagt Prokop. "Klar ist aber, die Leichtathletik muss sich weiterentwickeln." Es braucht neue Formate, verschlankte Zeitpläne bei Meetings, mehr Veranstaltungen in den Innenstädten, will man neue Fans gewinnen, größere TV-Präsenz generieren und sich nicht nur an ein in die Jahre gekommenes Publikum klammern, das seit Kindesbeinen ein Herz für die Leichtathletik hat. Das größte Pfund, mit dem der Sport wuchern kann, sind die jungen Gesichter, die auch noch erfolgreich sind: Thomas Röhler (26), Johannes Vetter (24), Konstanze Klosterhalfen (20), Gesa Krause (25) und Gina Lückenkemper (20).

Leistungssportreform Fast ein Jahr ist es her, dass der DOSB die Leistungssportreform beschlossen hat. Die Übergangszeit, bis die Reformen fruchten sollen, ist auch für die Leichtathletik eine Zeit des Ungewissen. Das System, nachdem das (Medaillen-)Potenzial künftig berechnet und Förderentscheide kalkuliert werden sollen, steht in der Kritik. Sportler beklagen unzureichende Unterstützung, um sich tatsächlich voll auf den Leistungssport einlassen zu können.

Anti-Doping-Kampf Der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF gewann einiges an verloren gegangener Reputation zurück, als er den russischen Leichtathletikverband infolge des dortigen Dopingskandals komplett sperrte. Die deutsche Leichtathletik hat durchaus - und nicht zuletzt dank Prokop - den Ruf eines Vorreiters im Anti-Doping-Kampf. Diese Stimme gilt es zu wahren, diese Rolle gilt es noch offensiver zu vermarkten.

Infrastruktur Umbaupläne für das Berliner Olympiastadion ließen die Leichtathleten aufschrecken. Plötzlich war ihre wichtigste Laufbahn in Gefahr. Die, auf der im August 2018 die mit vielen Hoffnungen verbundene Heim-EM und, wie gestern entschieden, auch die Deutsche Meisterschaft 2019 stattfinden. Die, auf der mit dem Istaf das bedeutendste deutsche Meeting steigt - das künftig Teil einer reformierten Diamond League sein soll. Was indes für Berlin gilt, gilt hinunter bis zur Basis: Moderne Sportanlagen helfen der Leichtathletik nicht, wenn es sich dabei nur um einen neuen Kunstrasenplatz handelt.

Quelle: RP
 
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