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Dopingsünder Gatlin besiegt Bolt
Der Weltmeister, der nicht sein darf

Weltmeister Gatlin verneigt sich vor Bolt
Weltmeister Gatlin verneigt sich vor Bolt FOTO: rtr, tj
London. Der mehrmalige Dopingsünder Justin Gatlin ist nach zwölf Jahren wieder 100-m-Weltmeister - und nach seinem Sieg über Usain Bolt erst recht der meistgehasste Mann der Leichtathletik.

Im größten Moment seiner Karriere stand Justin Gatlin weinend in einem Donner aus Buhrufen auf der Bahn des Londoner Olympiastadions und schaute hilflos drein. Ausgerechnet Usain Bolt, den der meistgehasste Leichtathlet der Welt mit der bittersten Niederlage seiner Karriere in Rente geschickt hatte, nahm sich dann des Erzrivalen an und schloss Gatlin in seine langen Arme.

"Er hat mir gesagt, dass ich es nicht verdient habe, so behandelt zu werden", erzählte der neue 100-m-Weltmeister, der vor Bolt huldigend auf die Knie ging. 60.000 Menschen auf den Rängen sahen das etwas anders. Gatlin, der mehrfach überführte Dopingsünder, hatte Bolts Abschiedsvorstellung beschmutzt, den Partycrasher gegeben. Und London ließ Gatlin seine schiere Abneigung spüren.

"Die Menschen, die mich lieben und die ich liebe, die jubeln für mich", sagte Gatlin: "Darauf kann ich bauen." Klingt simpel, der Fall ist aber viel komplexer. Denn eigentlich dürfte es den Leichtathleten Justin Gatlin gar nicht mehr geben.

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Ältester Champion über die Königsdistanz

Der Bulle aus Brooklyn, mit 35 Jahren ältester Champion über die Königsdistanz, ist ein ewiger Streitfall. 2001 war Gatlin als Junior erstmals gedopt erwischt worden, aus zunächst zwei Jahren Sperre wurden zwölf Monate. Man hätte es als Jugendsünde abtun können, hätte Gatlin daraus gelernt.

2004 wurde er Olympiasieger, 2005 Doppel-Weltmeister - und 2006 erneut positiv getestet. Lebenslang hätte Gatlin gesperrt werden müssen, kam mit acht Jahren davon, weil er halbherzig als Kronzeuge gegen Coach Trevor Graham auftrat. Doch auch gegen dieses Strafmaß ging Gatlin vor - 2010 durfte er wieder laufen.

"Ich habe gebüßt, für meine Fehler soziale Arbeit geleistet", sagte Gatlin. Es gibt viele schlimme Ex-Sünder, die zurückgekehrt sind. Doch selbst der notorische weißrussische Hammerwurf-Betrüger Iwan Tichon wurde nicht ansatzweise so geschmäht wie der Amerikaner. Denn Gatlin lief als vermeintlich sauberer Athlet schneller als in nachweislichen Doping-Zeiten, er tritt in der prominentesten Disziplin an, er ist der Widersacher Bolts, des größten Sympathieträgers.

Fotos: Bolt bekommt Kuss von Freundin Kasi FOTO: dpa, nic

Das Thema Gatlin-Bolt ruft Beißreflexe hervor. In einer Sportart, die sich oft in Grauzonen abspielt, ist eine Blase, entstanden, die nur Schwarz und Weiß kennt. "Der böse Gatlin besiegt den legendären Bolt", schrieb beispielsweise der italienische Corriere della Sera: "Es hätten die letzten 100 Meter zum Paradies sein können, doch Bolt hat auf seinem Weg den Teufel getroffen."

IAAF-Boss bedauert Sieg von Gatlin

Selbst IAAF-Präsident Sebastian Coe drückte im Finale offenbar Bolt die Daumen. Der Abend habe sich "nicht an das perfekte Drehbuch" gehalten", sagte der Brite der BBC. "Es ist nicht das schlechteste Ergebnis aller Zeiten", sagte Coe, es mache ihn aber auch nicht euphorisch, wenn "jemand, der zwei Dopingsperren abgesessen hat, mit einem unserer glitzernden Preise weggeht - aber er ist berechtigt, hier zu sein." 

Natürlich ist Gatlin belastet - aktuell muss er aber als sauber angesehen werden. Wie Bolt. Obgleich Jamaiks Sprinterteam Dopingfälle in loser Folge produziert hat. Schwarz? Weiß? So klar ist das nicht.

Das Verhältnis zwischen Gatlin und Bolt ist indes bestens. "Er ist ein guter Kerl", sagte der Jamaikaner. Gatlin dankte dem "erstaunlichen Menschen" Bolt für "Inspiration in meiner ganzen Karriere".

Bolt geht nach London endgültig, Gatlin wird bleiben. "Für eine Millisekunde habe ich im Ziel gedacht, das war's", sagte er: "Doch mein Sohn will, dass ich bis Olympia 2020 weitermache. Ich werde jetzt von Jahr zu Jahr schauen."

(sid)
 
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