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Leichtathletik
Was der Fußball von Londons WM-Publikum lernen kann

Farah feiert Goldmedaille mit seiner Familie
Farah feiert Goldmedaille mit seiner Familie FOTO: rtr, gb
Meinung Lob für britisches Sportpublikum ist keine Erfindung der angelaufenen Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Aber zum Auftakt der Titelkämpfe von London rufen einem die 65.000 Zuschauer eindrucksvoll ins Gedächtnis, was es von den Rängen nicht braucht für ein erinnerungswürdiges Sportereignis: Zuschauer, die sich selbst wichtiger nehmen als das Geschehen vor ihren Augen. Von Stefan Klüttermann

Ja, die Engländer legten am Eröffnungstag eine ganze Menge an Patriotismus und Eigenlob an den Tag. Weltverbands-Präsident Sebastian Coe sprach in seiner Rede von "besten Publikum aller Zeiten", und wechselnde Moderatoren versorgten die Anwesenden auch danach immer wieder mit Superlativen für die Qualität der Stimmung im Olympiastadion. Und es war auch nicht so, dass es auf den Rängen an kreativen Fans, Großbritannien-Fahnen oder zweifelhaften Pfiffen gegen den in der Vergangenheit des Dopings überführten US-Sprinter Justin Gatlin (als ob er der einzige Leistungssportler wäre, der je gedopt hätte) gegeben hätte.

Doch der Nationalstolz in der Kurve bewegte sich immer in den Grenzen der Fairness – und: Die Zuschauer sehen sich sicherlich als wichtiger Teil eines stimmigen Gesamtpakets WM, aber sie nutzen die WM nicht als Bühne, um zu zeigen: "Ganz nett da unten auf der Laufbahn, aber die eigentliche Show passiert hier bei mir in Reihe 69. Könnt ihr nachher auch noch mal auf meinem YouTube-Kanal sehen. Oder bei Facebook, Instagram oder Twitter. Denn ich bin der Geilste!"

Selbstdarstellung und Ausschreitungen schaden dem Fußball

Genau das ist auf den ersten Blick eine simple Erkenntnis. Aber es ist eine, die es lohnt, sich Erinnerung zu rufen. Gerade mit Blick auf den Fußball. Das Spektakel auf den Rängen ist dort längst zu einem zweiten Event geworden neben den 90 Minuten auf dem Rasen. So lange sich beide Events ergänzen und befruchten, schafft die Fankultur damit das, was den Fußball heute zweifelsohne als einzigartigen gesellschaftlichen Bereich prägt. Doch wo Selbstdarstellung oder Ausschreitungen das Bild auf den Rängen bestimmen, da nehmen sich Zuschauer wichtiger als das Sportereignis selbst. Das schadet dem Sport, und das schadet dem Bild, das Fans abgeben.

Nun werden Fußballfans anführen, es mache doch keinen Sinn, eine Leichtathletik-WM mit einem Revierderby zwischen Schalke und Dortmund zu vergleichen, was das zu erwartende Verhalten der Zuschauer angeht. Doch, genau das macht Sinn. Denn in beiden Fällen geht es um den Sport als das, was die Menschen ins Stadion zieht. Der Sport ist die Bühne, der Sport ist das Programm, der Sport ist das, wofür die Menschen Geld an diesem Tag Geld bezahlt haben.

Diese Erkenntnis mal wieder in den Vordergrund zu rücken, beschneidet keinen Fußballfan darin, im Trikot ins Stadion zu gehen und den Schiedsrichter zu beschimpfen. Es verhindert keine Choreographie, und kein Sonderzug fährt deswegen weniger. Keine Gänsehaut wird dadurch im Keim erstickt. Und kein Fan muss Angst haben, dadurch nur verhasster Konsument statt Anhänger nach eigenem Anspruch zu sein. Es würde einfach nur den Sport wieder mehr in den Mittelpunkt rücken.

Wie es gehen kann, zeigt die WM in London. Wo ein beeindruckend stimmungsvolles Etwas entsteht, weil die Zuschauer mit ihrer Begeisterung die Leistungen der Athleten bereichern. Und nicht umgekehrt.

(klü)
 
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