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Leichtathletik-WM
Der kleine Harting plant den großen Wurf

Kameramann fährt Usain Bolt um
Kameramann fährt Usain Bolt um FOTO: dpa
Peking/Düsseldorf. Der jüngere Bruder des verletzten Diskus-Olympiasiegers tritt morgen als Medaillenkandidat bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking an. Für Christoph ist die Finalteilnahme schon ein Erfolg. Von Martin Beils und Sebastian Stiekel

Robert Harting wurde es zu bunt. Er konnte nicht mehr ertragen, wie sein Brüderchen Christoph sein Talent verschleuderte. Daheim in Cottbus saß der Stunde um Stunde vor dem Computer. Ganze Nächte zockte er durch, den Schulunterricht verschlief er, lustlos ging er zum Leichtathletiktraining. Robert war zu der Zeit auf dem Sportinternat in Berlin. Er holte Christoph zu sich, um "einen richtigen Diskuswerfer" aus ihm zu machen. Es dauerte lange, bis die beiden ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. Fünf Jahre trennen sie. Christoph fühlte sich zunächst bevormundet.

Mehr als zehn Jahr sind seitdem vergangen. Christoph gilt immer noch als "der kleine Harting", obwohl er mit 2,07 Metern um sechs Zentimeter länger ist als Robert. Doch er ist eben deutlich jünger. Und so erfolgreich wie der amtierende Olympiasieger, Weltmeister und Europameister ist er lange nicht. Doch bei der WM jetzt in Peking steht Christoph auf einmal im Mittelpunkt. Während sein Bruder verletzungsbedingt auf den Höhepunkt dieser Saison verzichtet und das lädierte Knie für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro schont, kämpft der 25-Jährige morgen um die Medaillen.

Als Deutscher Meister und als drittbester Werfer der Saison war er in die chinesische Hauptstadt gereist, im Vorkampf brauchte er nur einen Versuch, um das Startrecht für die Entscheidung morgen zu bekommen. "Das war der Plan: Herkommen, einen Wurf machen, einpacken und Energie sparen", sagte er, "es war das Ziel, das Finale zu erreichen. Alles andere ist jetzt ein Bonus."

Christoph hält das Finale für vollkommen offen. "Es gibt keinen richtigen Favoriten", sagt er. Robert hat allerdings Zweifel, ob es im Vogelneststadion zum großen Wurf reicht. Er schätzt den Polen Piotr Malachowski, seinen alten Rivalen höher ein. "Für den WM-Titel ist Christoph noch zu jung und zu unerfahren. Ich hoffe, dass er ein paar Leute ärgern kann. Ich erwarte aber nichts." Doch der "kleine Harting", der wie sein Bruder rund 120 Kilogramm Wettkampfgewicht auf die Waage bringt, ist auf einem guten Weg. Bei Wettkämpfen in Wiesbaden und Halle schob er sich in die internationale Spitze.

"Ich bin ein Typ, der sich eher an Leistungen als an Platzierungen orientiert. Ein geschenkter Sieg - wer will so was?", sagt er. Christoph Harting ist mit "viel Bock auf einen geilen Wettkampf" zu seiner ersten WM geflogen.

"Ein Wettkampf sollte immer eine Herausforderung sein", sagt der Jüngere. "Deshalb finde ich es auch schade, dass mein Bruder nicht mit zu dieser WM geflogen ist. Er hätte diesem Wettkampf noch das Quäntchen Spannung, das Quäntchen Herausforderung gebracht. So muss ich mich allein mit der Konkurrenz herumschlagen." Vielleicht starten sie 2016 in Rio gemeinsam. Dann wären sie für die Leichtathletik, was Vitali und Wladimir Klitschko fürs Boxen oder Serena und Venus Williams im Tennis sind.

Christoph und Robert Harting unterscheiden sich in vielem. "Vor allem beim Erfolg", sagt Christoph. Er selbst sei etwas ruhiger und geduldiger. "Gelassenheit ist, glaube ich, etwas, das ihm fehlt. Beziehungsweise, das ich mehr habe als er." Die Gefahr, dass Christoph sein Trikot zerreißt und so dem kameratauglichen Ritual des Bruders folgt, besteht nicht.

Quelle: RP
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