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Helmut Digel wird 70 Jahre alt
"Mr. Leichtathletik" resigniert im Kampf gegen Doping

Helmut Digel wird 70 Jahre alt: "Mr. Leichtathletik" resigniert im Kampf gegen Doping
Helmut Digel wird 70 Jahre alt. FOTO: dpa, Michael Kappeler
Hamburg. Am Montag wird Helmut Digel 70 Jahre alt. Im Kampf seines Lebens, dem Ringen gegen das Dopingproblem, hat der große alte Mann der Leichtathletik mittlerweile resigniert.

Helmut Digel widmete sein Leben dem Sport und dem Kampf gegen Doping - doch ausgerechnet zu seinem 70. Geburtstag resigniert der große alte Mann der deutschen Leichtathletik. Aufgerieben vom jahrzehntelangen Ringen für mehr Fairness in den Arenen dieser Welt gibt Digel auf: Der Kampf gegen Doping sei einfach nicht zu gewinnen.

"Viele Initiativen gegen den Dopingbetrug waren erfolglos oder haben sich als unzureichend erwiesen", schreibt der am 6. Januar in Aalen geborene Sportwissenschaftler und Funktionär in seinem neuen Buch "Verlorener Kampf": "Immer deutlicher kommt zum Tragen, dass die eigentlich am Betrug Beteiligten an einer wirklichen Aufklärung und Bekämpfung nicht interessiert sind. Dies gilt für die Politik, die Wirtschaft und die Sportorganisatoren gleichermaßen. Es gilt aber auch für die Athleten und die Trainer. Es muss deshalb von einem verlorenen Kampf gesprochen werden."

"Der Zuschauer will Helden sehen"

So sauber sind die schnellsten 100-Meter-Sprinter FOTO: Fotograf (s.Bildunterschrift)/2013 Sony World Photography Awards

Es ist eine schonungslose Abrechnung mit einem System, dem Digel selber über Jahrzehnte angehörte und noch immer angehört. Nun, vor seinem 70. Geburtstag an diesem Montag, muss der Professor endgültig eine bittere Pille schlucken. Dabei hat sich der ehemalige Handballspieler und Direktor des Institutes für Sportwissenschaft der Universität Tübingen schon seit Jahren keine Illusionen mehr gemacht und immer wieder wiederholt: "Der Zuschauer will Helden sehen, andererseits steht immer der Verdacht im Raum, dass eventuell etwas nicht stimmen könnte. Das ist ein Dilemma." Manch einer würde deshalb den Fernseher ausschalten, "von der großen Mehrheit wird die Mehrdeutigkeit aber nicht negativ wahrgenommen. Die sagen eher: Hört mir doch endlich auf mit dieser Dopingdiskussion!"

Digel wollte und will immer diskutieren. Als Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), dem er von 1993 bis 2001 vorstand, setzte er sich gleichzeitig an die Spitze des Antidoping-Kampfes in Deutschland. Immer wieder legte er seine Lösungsvorschläge des Problems dar. Allein die dopenden Sportler zu sanktionieren reiche nicht aus, das System als Ganzes müsse sich ändern. Funktionäre, Verbände, Politiker und Ärzte müssten ebenso bestraft werden. Doch es änderte sich über die Jahre nur wenig.

Besonders die Leichtathletik werde vom Doping aufgefressen, glaubt Digel. "Das Dopingproblem liegt in gewisser Weise in der Natur der Sportart", sagt der DLV-Ehrenpräsident und Council-Mitglied des Weltverbandes IAAF. Daher spricht sich Digel seit Jahren dagegen aus, Rekorde finanziell zu belohnen. "Mir ist wichtig, sie nicht ins Zentrum der Kommunikation zu stellen. Ich halte das Signal für falsch, hohe Rekordprämien auszuloben." Aber: "Die große Mehrheit hängt dieser Rekord-Ideologie an."

"Preisgelder zum Schutz des eigenen Produkts abgeben"

Nun, mit 70 Jahren, gibt Digel auf. "Ich werde mich langsam aus der Verantwortung zurückziehen. 2015 nach der WM in Peking werde ich meine Tätigkeit im IAAF-Council beenden", sagte Digel unlängst der Tageszeitung Die Welt. Der Soziologe gehört dem Gremium seit 1995 an und war von 2001 bis 2007 dessen Vizepräsident. Doch so ganz will Digel die Leichtahletik nicht sich selbst überlassen. "Usain Bolt macht mit seinen Sprints Millionen im Jahr", sagte er, "Spitzenathleten wie er müssen verpflichtet werden, fünf Prozent ihrer Preisgelder zum Schutz des eigenen Produkts abzugeben." Doch daran glauben kann er nicht mehr.

(sid)
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