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Dopingsperre verlängert
Hintertürchen für russische Athleten

Russischer Dopingsumpf: eine Chronologie
Russischer Dopingsumpf: eine Chronologie
Der Weltverband hält die Sperre wegen systematischen Dopings für Russlands Leichtathleten aufrecht. Bei den Olympischen Spielen sollen dennoch einige Sportler aus dem Land antreten dürfen. Von Martin Beils

Wie lautet der Beschluss des Leichtathletik-Weltverbands IAAF?

Russische Leichtathleten dürfen unter ihrer Flagge nicht in Rio de Janeiro teilnehmen. Das Council des Weltverbandes IAAF bestätigte gestern in Wien die seit November 2015 wirksame Sperre für den russischen Verband. Die Anstrengungen im Antidopingkampf haben nicht ausgereicht, um das Vertrauen des Weltverbandes wieder zu erlangen. Allerdings sei ein Start einzelner Athleten unter neutraler Flagge möglich, sagte Verbandspräsident Sebastian Coe. Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wird heute in einer Telefonkonferenz über das mögliche Olympia-Aus russischer Leichtathleten beraten. Coe sprach nach der einstimmigen Entscheidung der 24 Council-Mitglieder von einer "machtvollen Botschaft". Einzelne Sportler dürfen eine Teilnahme beantragen, wenn sie überzeugend darstellen könnten, dass sie vom russischen Doping-System nicht "befleckt" seien, erklärte der Vorsitzende der IAAF-Taskforce Rune Andersen. Es tut sich also noch ein Hintertürchen auf.

Welche Bedeutung hat der Beschluss?

Nie zuvor in der olympischen Geschichte sind Athleten eines Landes und einer Sportart grundsätzlich wegen Dopings gesperrt worden. Der IAAF-Beschluss ist auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Russen seit Jahrzehnten zu den wichtigsten und erfolgreichsten Nationen im Weltsport, speziell in der Leichtathletik, gehören. Auch das politische und sportpolitische Gewicht Russlands als Gastgeber großer Ereignisse wie der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau und der Fußball-WM 2018, ist außerordentlich groß.

Wie verhält sich der Deutsche Leichtathletikverband?

Er reagierte mit Skepsis. DLV-Präsident Clemens Prokop bewertet die Wiederzulassung mutmaßlich nicht gedopter Sportler aus Russland trotz der allgemein verlängerten Suspendierung des russischen Verbandes Rusaf kritisch. "Ich begrüße die konsequente Entscheidung über den russischen Ausschluss. Gleichzeitig stehe ich dem Beschluss, vermeintlich sauberen Athleten eine Startberechtigung zu geben, mit größter Skepsis gegenüber. Wenn ein Anti-Doping-Programm in der Vergangenheit nachweislich nicht funktioniert hat, kann Chancengleichheit nicht gegeben sein", sagte Prokop. Aus seiner Sicht erlauben negative Ergebnisse von zeitnah durchgeführten Kontrollen keine verlässlichen Rückschlüsse auf Methoden in der bereits länger zurückliegenden Aufbauphase: "Nach den bekannten Fakten über die Wirkung entfaltet Doping seinen größten Nutzen, wenn es in den Zeiten der höchsten Trainingsbelastung genommen wird, im Hinblick auf die Spiele 2016 also im Herbst 2015 und im Frühjahr 2016. Nur wenn in diesen Zeiträumen vergleichbare Kontrollbedingungen bestanden hätten, bestünde in Rio auch Chancengleichheit im Wettkampf."

Was sagen die Russen?

Präsident Wladimir Putin hat eine Beteiligung des russischen Staates an Dopingvergehen von Sportlern bestritten. "Von staatlicher Seite haben wir gegen Doping im Sport gekämpft und werden das weiter tun", sagte Putin auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Sein Sportministerium hat die IAAF aufgefordert, die weitere Sperre zu überdenken. Russland sei zutiefst enttäuscht. Das Land habe alles getan, was die IAAF im Kampf gegen Doping verlangt habe. Stabhochsprung-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa, die der Kreml-Führung nahesteht, hat mit Entsetzen und großer Wut reagiert. "Das ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Dazu werde ich nicht schweigen", sagte Issinbajewa. Sie kündigte an, vor ein internationales Gericht zu ziehen: "Ich werde für die Gerechtigkeit kämpfen."

Gibt es das Problem nur in der Leichtathletik?

Nein. Auch der russische Schwimmsport hat ein massives Dopingproblem. Für umgerechnet 68.000 Euro soll dem russischen Schwimmverband angeboten worden sein, Athleten aus dem Anti-Doping-Testpool zu nehmen. Das berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" . Nach Recherchen der "FAZ" und der englischen Zeitung "The Times" sollen Grigori Rodschenkow als ehemaliger Chef des russischen Doping-Kontrolllabors und Nikita Kamajew, der gestorbene Leiter der russischen Anti-Doping-Behörde Rusada, im Jahr 2011 mindestens zweimal Offizielle des nationalen Schwimmverbandes getroffen haben, um dieses Vorhaben umzusetzen. Der stichhaltige Verdacht, dass eine Vielzahl russischer Medaillengewinner bei den Spielen in Sotschi gedopt war, hält sich ebenfalls.

Quelle: RP
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