| 18.38 Uhr

800-Meter-Läufer im Interview
Schembera: "Gefühlt gibt es nichts anderes mehr als Fußball"

Robin Schembera vom TSV Bayer 04 Leverkusen peilt Olympia an
Robin Schembera gehört zu den Leichtathleten, die sich Sorgen um die Zukunft ihrer Sportart machen. FOTO: RPO
Leverkusen. Robin Schembera, 800-Meter-Läufer des TSV Bayer Leverkusen, spricht über sein Ziel Olympia 2016, mentale Probleme, fehlende Wertschätzung einer Kernsportart, die Debatte um Bundesjugendspiele und seine neue persönliche Bestzeit in Hengelo, auf die er sechs Jahre warten musste.

Herr Schembera, wie oft haben Sie sich Ihren Lauf von Hengelo im Nachgang angeschaut?

Schembera (lacht) Gar nicht so oft. Drei, vier Mal vielleicht. Aber eher aus taktischer Sicht, nur einmal bewusst, um das emotionale Erlebnis noch einmal nachzuempfinden.

Sie haben nach sechs Jahren wieder eine persönliche Bestleistung aufgestellt und damit die Norm für die WM in Peking geschafft. Dient so ein Lauf mit Blick auf eine Weltmeisterschaft nicht als Motivationshilfe?

Schembera Ehrlich gesagt habe ich den Lauf eher aus analytischen Gesichtspunkten angeschaut. Ich wollte herausfinden, wo mir die zwei Hundertstel gefehlt haben, um das Rennen auch zu gewinnen.

Was war so gut an dem Lauf, der sechs Jahre auf sich warten ließ?

Schembera Ich hatte an dem Tag die Form, sogar noch schneller zu laufen. Der Rennverlauf gab es nur leider nicht her. Ich hatte aber die nötige Lockerheit, war vom Kopf her frei. Das ist für mich entscheidend, um schnell laufen zu können. Ich habe mich im Vorfeld einfach nicht mit dieser Norm auseinandergesetzt. Mir war nur wichtig, gut zu laufen.

Gegenüber Düsseldorf im Januar liefen Sie in 1:45,48 Minuten über zwei Sekunden schneller. Sie sagen, Sie waren lockerer. Ist das so einfach

Schembera Natürlich nicht. Ich musste erst lernen, die Dinge nicht mehr so nah an mich heranzulassen. Wenn man schon als Jugendlicher als der neue deutsche Star über 800 Meter und Nachfolger von Nils Schumann gefeiert wird und damit klarkommen muss, dass Leute permanent Erwartungen an einen haben, ist das psychisch sehr belastend.

War der Druck zu groß?

Schembera Er war enorm. Ich hatte nicht die Chance, mich an anderen deutschen Top-Läufern hochzuziehen, weil ich sehr früh selbst in der Spitze lief. Nils hörte dann irgendwann auf, René Herms ist leider verstorben. Dann stehst du als 19-, 20-Jähriger plötzlich da und die komplette Erwartungshaltung des deutschen Mittelstreckenlaufs lastet auf dir. Da gibt es nur leider keinen Hebel, den man mal eben auf Sieg stellt und sagt: Ich laufe ab jetzt alle in Grund und Boden. Inzwischen habe ich mich frei von diesem Druck gemacht. Ich habe irgendwann aufgehört, mich ständig mit anderen zu vergleichen und angefangen, mich nur noch an meinen eigenen Leistungen zu messen.

Dachten Sie ans Aufhören?

Schembera Zwischenzeitlich schon. Ich bin 2008 nur knapp an Olympia vorbeigeschrammt. 2012 wollte ich es dann erst recht, habe mich aber verletzt und dadurch etwas die Motivation verloren. Man steckt so viel Mühe in den Sport und schafft es erneut nicht. Dazu kam meine Bachelor-Ausbildung bei der Polizei, die sehr anstrengend und schwierig mit dem Training zu koordinieren war. 2014 fiel ich in ein mentales Loch. Ich konnte nicht mal mehr an die Startlinie gehen.

Wer richtet Sie in dem Moment auf?

Schembera Echte Freunde, mein Psychologe, den ich mir gesucht habe und mein Trainer. Paul Heinz Wellmann ist ein wichtiger Faktor. Er gibt einem zu verstehen, dass Sport wichtig, aber eben nicht das Wichtigste ist. Das hilft, nicht zu verkrampfen.

Als bekannt wurde, dass ARD und ZDF die Übertragungsrechte-Rechte der Olympischen Spiele an den Eurosport-Konzern Discovery verloren haben, äußerten Sie Ihren Unmut darüber auf Ihrer Facebook-Seite.

Schembera Was mich so ärgert ist, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen, für das ich rund 200 Euro im Jahr bezahle, sich einen Bildungsauftrag und eine Grundversorgung auf die Fahne schreibt, aber in erster Instanz keine Rechte für das größte Sportevent der Welt erwirbt, das aufgrund seiner Vielfalt und seines kulturellen Gutes Bestandteil dieser Grundversorgung sein sollte. Lesen zu müssen, dass man von den Preisen überrascht wurde, kann ich nicht nachvollziehen. Gerade wir Leichtathleten brauchen diese mediale Präsenz bei Olympischen Spielen, sonst haben wir irgendwann niemanden mehr, der sich für Turnen, Schwimmen oder Leichtathletik interessiert. Wie sollen Kinder Lust auf die Sportarten bekommen, wenn sie sie nicht zu sehen bekommen und permanent nur mit Fußball vollgedröhnt werden? Ich weiß, dass ARD und ZDF Sublizenzen erwerben können. Die Frage ist, wie diese aussehen. Es gibt Sportarten, die alle vier Jahre darauf hoffen, mal etwas Öffentlichkeit zu bekommen. Ob die "Local Heros" auch über die gleichgeschalteten Eurosport-Bilder gezeigt werden, bezweifle ich.

Fühlen Sie sich als Leichtathlet zu wenig wertgeschätzt?

Schembera Definitiv. Das Interesse an unserer Sportart ist in den vergangenen Jahren zunehmend gesunken. Wir haben in Deutschland inzwischen eine Monopol-Kultur Fußball. Gefühlt gibt es doch nichts anderes mehr. Ich sehe das als großes Problem für den Sport im Allgemeinen. Umso wichtiger sind für uns Großereignisse und die mediale Präsenz. Nun könnte ich sagen: Ich bin 2020 eh nicht mehr dabei, aber für meine Kollegen finde ich diese Entwicklung unfassbar traurig.

Ist das der Fehler des Fußballs oder doch der anderen Sportarten, die für sich zu wenig Lobby- und Aufbauarbeit betreiben?

Schembera Ich denke, die olympischen Kernsportarten haben eine gewisse Modernisierung verpasst. Gerade, wenn es darum geht, attraktiver für die Zuschauer zu werden. Fußball ist da unkomplizierter. Ein Spiel dauert 90 Minuten und endet mit einem Ergebnis, mit dem jeder was anfangen kann. Nun ist die Leichtathletik aufgrund der vielen Disziplinen aus logistischer Sicht sicher eine schwer zu übertragende Sportart. Das Programm ist lang, geht über mehrere Stunden. Aber wenn ich sehe, wie wenig beispielsweise von der erfolgreichen Heim-WM in Berlin 2009 hängen blieb, dann ist das nicht die Schuld des Fußballs. Wohl eher die der Marketing-Experten, die entweder das Falsche gemacht haben oder die wir nicht hatten.

Stichwort Event-Charakter.

Schembera Die Erwartungen der Zuschauer an ein Sportereignis haben sich verändert. Dem muss man Rechnung tragen, ohne aber die Fans der traditionellen Leichtathletik zu vergraulen. Das ist extrem schwer. Ich fände mehr Spektakel gut. Ich war kürzlich bei der Staffel-WM auf den Bahamas. Wenn man sieht, wie die Veranstalter einen Wettkampf als Event aufziehen, ist das beeindruckend. Das fängt bei der Athletenvorstellung an. Sportler werden mit Feuerwerk begrüßt. Der Rahmen ist ein anderer. Der Zuschauer fühlt sich gut unterhalten.

Muss man die Strukturen der Wettkämpfe verändern?

Schembera Die deutsche Leichtathletik versucht ja, die Programme bei Meetings zu straffen. Früher gingen die von 10 bis 20 Uhr. Zehn Stunden schaut sich aber niemand mehr an, daher wurden die Höhepunkte auch mit Blick auf das Fernsehen gebündelt.

Muss man Vorkämpfe überdenken?

Schembera Ich fände es nicht gut, die Vorkämpfe wegzulassen, um dadurch mehr Spannung zu erzeugen. Dann wird man früher oder später die Breite verlieren, die man braucht, um in die Spitze zu kommen. Welche Motivation haben junge Athleten dann noch? Die wissen: Gehöre ich nicht zu den Top Acht, komme ich nicht mal zu einer Deutschen Meisterschaft. Dadurch werden wir noch mehr Talente verlieren. Sei es an den Fußball, oder weil sie überhaupt keine Lust auf Sport mehr haben. Aber das ist wieder ein anderes Thema. Dann sind wir schnell bei der Debatte um die Bundes-Jugendspiele.

Auch dazu haben Sie sich geäußert.

Schembera (lacht) Wie viel Zeit haben wir? Ich finde diese Diskussion ebenso unsinnig wie lächerlich. Ich selbst hatte als Kind auch bloß eine Teilnehmer-Urkunde, bin deshalb aber nicht heulend nach Hause gerannt. Es hat mich vielmehr motiviert, weil ich auch unbedingt eine Ehrenurkunde wollte. Zwei Jahre später hatte ich eine. Ich war auch schlecht in Mathe, aber mich hat niemand gefragt, ob ich deshalb eine Klausur nicht schreiben möchte. Kinder brauchen Bewegung und Sport. Und die Bewertung der Leistung gehört in die Schule wie in jedem anderen Fach. Sport vermittelt Werte, die wichtig fürs Leben sind.

Was müsste sich in der Leichtathletik verändern?

Schembera Das ist schwierig, weil man aus dem Kreislauf ausbrechen müsste. Fehlende Popularität hat zu tun mit fehlendem Nachwuchs und fehlenden Geldern. Das wiederum hat zu tun mit fehlender Popularität. Athleten bräuchten mehr Unterstützung. Derzeit sind nur Landes- und Bundespolizei sowie Bundeswehr mögliche Partner für Athleten, um Sport professionell zu betreiben. Wer als Sportler studiert, lebt oft am Existenzminimum. Man müsste unsere Wirtschaft mehr einbinden. Nun geht es uns bei Bayer, wo viel für uns getan wird, wirklich gut, das muss man bei aller Kritik am großen Ganzen sagen. In anderen Ländern haben Athleten teils Ausrüsterverträge über 50.000 bis 100.000 Euro. Ich kenne aber Sportler in kleineren Vereinen, die bekommen nur ein Paket mit Spikes und Trikot. Vielleicht würde ein Stiftungstopf helfen, der den breiten Spitzensport mehr unterstützt.

Fehlt es der Leichtathletik an Stars?

Schembera Es fehlt ganz sicher an mehr Charakteren wie Robert Harting, die auch mal den Mund aufmachen und eben nicht bloß laufen oder werfen wollen. Ich habe wirklich mitgefiebert bei der Fußball-WM, ich mag den Sport auch. Aber die Fußballer haben es einfacher. Mal abgesehen vom Gehalt wird ihnen in den Klubs vieles abgenommen. Sie können noch so viele Phrasen dreschen oder müssen gar nichts sagen. Das schadet aber der Sportart nicht, weil sie sich wirtschaftlich hält. Selbst wenn wir zehn Hartings hätten, würde das nicht reichen, um die Leichtathletik aus dem Nischen-Dasein zu hieven. Das ist ein bisschen deprimierend.

Was trauen Sie sich bei der WM zu?

Schembera Zunächst einmal will ich Ende Juli gerne Deutscher Meister werden. Die WM nehme ich mit, sie ist eine gute Vorbereitung und Chance zur Weiterentwicklung mit Blick auf Olympia im nächsten Jahr. Wettkämpfe sind für uns Läufer sehr wichtig. Wenn man bis zum Ende eines Jahres nicht in Tritt bleibt, laufen die nächsten fünf Rennen im Folgejahr meist extrem schlecht. Ich nehme mir keine Platzierung vor. Rudisha als Weltrekordler hat die 800 Meter verändert. Er läuft einfach nur schnell von vorne weg – in einer Dimension, die noch kein Deutscher erreicht hat. Es gibt keine taktischen Rennen mehr auf Weltniveau. Keine Chance, mit einem Spurt an die Spitze zu gelangen. Ich schaue von Runde zu Runde.

Heißt: Alle Konzentration gilt Rio 2016?

Schembera Ich erlebe oft, dass Sportler daran gemessen werden, ob sie an Olympischen Spielen teilgenommen haben oder nicht. Ganz egal, ob sie mal Europameister oder Deutscher Meister waren. Zweimal hat es bei mir nicht geklappt. Meine Karriere wäre irgendwie unvollendet, wenn ich nicht mindestens einmal dabei gewesen wäre.

Stefanie Sandmeier führte das Gespräch.

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