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Olympiasiegerin Nasse-Meyfarth
"Unser Weltverband ist schlimmer als die Fifa"

Ulrike Nasse-Meyfarth: "Unser Weltverband ist schlimmer als die Fifa"
Der Abend des 4. September 1972, Ulrike Meyfarth vor dem Goldsprung im Münchner Olympiastadion. In der Nacht danach sucht der Terror der palästinensischen Geiselnehmer die Spiele heim. FOTO: Imago
Leverkusen. Doppel-Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth kritisiert den Internationalen Leichtathletikverband scharf. Von Martin Beils

Ein Plakat überspannt den Weg zur Fritz-Jacobi-Halle. Es grüßt Katharina Molitor, die Speerwerferin, die im vergangenen Sommer bei den Weltmeisterschaften in Peking Gold geholt hat. Im Eingangsbereich der Halle tauschen sich Trainerin Steffi Nerius und Markus Rehm aus. Sie war Weltmeisterin mit dem Speer, er ist einer der meistbeachteten Leichtathleten, weil er mit seiner Prothese auf olympiataugliche Weiten springt. Hinter den beiden hängen Schwarz-Weiß-Fotos: Zehnkämpfer Willi Holdorf, Diskuswerferin Liesel Westermann, Weitspringerin Heide Rosendahl, Hochspringerin Ulrike Meyfarth.

Pressestimmen: "Goldmedaille im Betrügen" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Die Jacobi-Halle, benannt nach einem früheren Vereinsvorsitzenden, ist die Heimat der Leichtathleten von Bayer Leverkusen. Es gibt wenige Flecken auf dem Globus, an denen Weltklasseleistungen über mehr als fünf Jahrzehnte so selbstverständlich geworden sind wie im unspektakulären Stadtteil Manfort. "Aber es wird immer schwerer, solche Erfolge zu erreichen", weiß Ulrike Nasse-Meyfarth. Immer mehr Länder drängen in der Leichtathletik in die Weltspitze.

Die frühere Hochspringerin ist ein Bindeglied zwischen den größten Zeiten der westdeutschen Leichtathletik in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Als angestellte Trainerin gehört sie zu dem Team, das die Kinder in der Abteilung betreut. Bisweilen sind 40 Jungen und Mädchen gleichzeitig in der Halle. Die Eltern sind begeistert, wenn ihre Kinder der Doppel-Olympiasiegerin zugeteilt werden. Denn so wie Boris Becker, der ewig 17-jährige Wimbledonsieger ist, ist sie die ewig 16-jährige Hochsprung-Olympiasiegerin von München 1972. Nächstes Jahr wird sie 60. Die Kinder interessieren die Erfolge ihrer Trainerin freilich kaum. "Nur manchmal sagen sie, dass sie mich irgendwo im Fernsehen gesehen haben."

Am Eingang zur Sportanlage verzeichnet eine Ehrentafel die größten Erfolge der Leverkusener Leichtathleten. Meyfarths Olympiasieg 1984 in Los Angeles findet Erwähnung, EM-Gold 1982 in Athen, WM-Silber 1983 in Helsinki. Die Goldmedaille von München wird dort nicht genannt. Zu der Zeit startete sie noch für den TuS Wesseling, ihren Heimatverein. Die 36.000-Einwohner-Stadt zwischen Köln und Bonn hat ihr Kronenbuschstadion nach ihrer größten Tochter benannt.

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Seit langem wohnt Ulrike Nasse-Meyfarth im bergischen Odenthal. Sie ist mit dem Rechtsanwalt Roland Nasse, einem früheren Rheinhausener Bundesliga-Handballer, verheiratet, sie haben zwei erwachsene Töchter. Zweimal pro Woche trainiert sie mit ihrem Mann auf der Leichtathletik-Anlage. "Joggen, Krafttraining, Gymnastik, alles was wir gelernt haben", sagt die Diplom-Sportlehrerin. Über die Hochsprung-Latte ist sie nicht mehr gesprungen, seit sie ihre Karriere als Leistungssportlerin beendet hat. 2,03 Meter hat sie mal überquert. Schlank wie ehedem ist die 1,88 Meter große Frau immer noch.

Meyfarth gilt als eine Person der deutschen Sportgeschichte und eine der Welt-Leichtathletik-Historie. Eine, die in die Hall of Fame, die Ruhmeshalle, dieser Sportart gehört. Anfang November wollte sie mit ihrem Mann nach Monaco reisen. Zur Gala des Leichtathletik-Weltverbands IAAF. Das Paar freute sich zunächst auf ein Wochenende in einem Fünf-Sterne-Hotel am Mittelmeer und auf das Wiedersehen mit alten Weggefährten. Die IAAF hatte geplant, die Doppel-Olympiasiegerin in ihre Hall of Fame aufzunehmen. Doch Meyfarth und ihr Mann sagten die Reise - und damit auch die Ehrung - ab.

Es waren die Tage, als klar wurde, in welchem Maße vor allem in Russland gedopt worden war und dass Lamine Diack, der frühere Weltverbandspräsident, positive Dopingtests gegen Bares hatte unterdrücken lassen. Die französische Justiz hat den Senegalesen wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche angeklagt. "In dieser Situation kann man doch nicht feiern", sagte sich Meyfarth. Ein paar Tage später blies die IAAF ihre Gala ab.

"Der Leichtathletik-Weltverband ist noch schlimmer als die Fifa", sagt die Leverkusenerin. Ihre Hoffnung auf Besserung hält sich in Grenzen. Sie erwartet keinen schnellen Wandel in der Zusammensetzung der Funktionärsriege: "Die lieben alle ihre Jobs und ihre Fünf-Sterne-Hotels." Von Diacks Nachfolger Sebastian Coe ist sie "sehr enttäuscht". Der Engländer war als Mittelstreckler ein Athlet von Format, als Cheforganisator der Spiele 2012 in London hatte er glänzende Arbeit geleistet. Doch seit er die IAAF führt, werde immer deutlicher, dass er tief verstrickt ins Netzwerk aus Sportpolitik und Business und nicht unabhängig sei.

Am vergangenen Sonntag besuchte Meyfarth Hamburg. Die Olympiasiegerin war Zeugin der Olympiaentscheidung: "Ich war schon skeptisch, als wir hingefahren sind." Die Terroranschläge, die Flüchtlingsproblematik, die Skandale rund um Fußball und Leichtathletik - es kam viel Negatives zusammen. "Bei den Menschen waren Ängste geweckt worden", stellt sie fest, "und ich weiß nicht, ob das Referendum anders gelaufen wäre, wenn der Bund eine Garantie zur Kostenübernahme abgegeben hätte." Nun bleiben Paris, Rom, Budapest und Los Angeles im Rennen um die Spiele 2024. "Paris wäre schön", sagt Meyfarth. Los Angeles hingegen, den Ort ihres zweiten und härter erarbeiteten Olympiasiegs, schätzt sie als Austragungsort nicht. "In dem Riesenmoloch, weiß man im einen Stadtteil nicht, dass im anderen Olympische Spiele sind. Das war schon damals bei uns so."

Sie bedauert natürlich, dass Hamburg aus dem Rennen ist. Vielleicht hätte eine Olympiabewerbung die Lobby des Sports verbessert, mutmaßt Meyfahrt. Ihrer Einschätzung nach mangelt es in Deutschland an angemessener Wertschätzung für den Leistungssport, für die Arbeit der Trainer im Besonderen. "Die Vokabel Elite ist fast verpönt, die will keiner in den Mund nehmen." Ohne Zweifel gehört sie selbst zur Elite des deutschen Sports. Weil sie gearbeitet hat, anfangs hart, später sehr hart. "Ich empfand das nie als Qual. Wir hatten Spaß an der Leistung und daran, Dinge schaffen zu können, die Ottonormalverbraucher nicht mal eben aus der kalten Hose machen."

Quelle: RP
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