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Dopingskandal in der Leichtathletik
IAAF-Präsident Coe trotz Totalversagen freigesprochen

Wada-Kommission: Leichtathletiker Sebastian Coe freigesprochen
IAAF-Präsident Sebastian Coe. FOTO: dpa, shp fdt
Düsseldorf. Sebastian Coe nickte nach seinem fragwürdigen Freispruch nur kurz. Ansonsten nahm der umstrittene IAAF-Präsident – Fünf-Tage-Bart, dunkelblaues Sakko, hellblaues Hemd und Krawatte in den Farben des Union Jack – seinen Punktsieg regungslos zur Kenntnis. Der Brite wurde von der unabhängigen Wada-Kommission quasi reingewaschen - dabei attestieren neue Details im Doping- und Korruptionsskandal dem internationalen Leichtathletik-Verband IAAF ein Totalversagen.

Korruption sei "in der Organisation verwurzelt", stellte der Kommissionsvorsitzende Richard Pound im zweiten Teil seines Untersuchungsberichts fest. Für die dubiosen Vorgänge rund um den ehemaligen Präsidenten und "Drahtzieher" Lamine Diack könne "keine kleine Zahl von Tätern verantwortlich gemacht werden". Auch die Mitglieder des IAAF-Councils hätten von den verdächtigen Vorgängen rund um positive Dopingproben russischer Leichtathleten wissen müssen.

Coe sitzt seit 2003 in diesem höchsten IAAF-Gremium, seinen Vorgänger Diack nennt er einen "spirituellen Leader". Doch für Pound ist der Doppel-Olympiasieger zur Überraschung aller Experten trotzdem genau der richtige Mann an der IAAF-Spitze. "Die IAAF hat nun die Möglichkeit, sehr viel verlorengegangene Reputation wieder zu gewinnen. Ich kann mir für diesen Prozess keinen Besseren vorstellen als Lord Coe", sagte Pound - und die rund 100 Journalisten im Raum "Alpsee" des Hotels "Dolce" trauten ihren Ohren kaum. Coe nahm die Absolution gelassen entgegen, nur ab und zu nestelte er an seiner Brille.

Nein, von Korruption habe er nichts gewusst, sagte Coe. "Es ist sehr selten, dass korrupte Personen diese Informationen mit ihren Kollegen teilen", sagte er dem Sport-Informations-Dienst. Coe sehe sich in der Verantwortung, die nötigen Veränderungen im Verband und der Leichtathletik voranzutreiben: "Erst wenn wir diese Veränderungen umgesetzt haben, bin ich zufrieden."

Auch DLV-Präsident Clemens Prokop zeigte sich über Pounds Äußerungen verwundert. "Es beißt sich, dass im Bericht gesagt wurde, dass Council wusste es - dann aber Herr Pound auf der Pressekonferenz erklärt, dass er Coe vertraut", sagte der Jurist: "Da ist mir nicht ganz klar, wie ich das bewerten soll."

Ohne auf Namen einzugehen forderte Alfons Hörmann indes "tiefgreifende Reformen in der IAAF mit transparenten Strukturen, die Machtkonzentration auf einzelne Personen ausschließen." Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sagte zudem: "Nur durch völlige Offenheit besteht überhaupt eine Chance, verloren gegangene Glaubwürdigkeit jemals wieder zurückzugewinnen. Die IAAF steht jetzt in der Verantwortung zu beweisen, dass sie bereit ist, Korruption zu bekämpfen und den Anti-Doping-Kampf ohne Rücksicht auf große Namen oder Nationen vorbehaltlos zu unterstützen."

Pikante Details im Doping-Sumpf

Neben seiner überraschenden Rede pro Coe präsentierte Pound zudem weitere pikante Details im Doping-Sumpf rund um die russische Leichtathletik und das Bestechungs-System des Lamine Diack. Hochrangige IAAF-Funktionäre hätten gewusst, dass russische Athleten vor der WM in Moskau hätten gesperrt werden müssen, doch sie taten nichts. Dies soll im Zusammenhang mit dem Abschluss eines TV-Vertrages für die Titelkämpfe gestanden haben.

Die Kommission attestierte der IAAF einen "kompletten Zusammenbruch" ihrer Führungsstrukturen." Die IAAF habe zu wenig unternommen, um es "mit zahlreichen Ländern - darunter auch Russland" – im Anti-Doping-Kampf aufzunehmen. Offenbar aus Angst vor den Konsequenzen. Damit liegt die Glaubwürdigkeit der IAAF im Anti-Doping-Kampf mehr denn je am Boden. Russlands Sportminister Witali Mutko wies den Bericht als "politisch motiviert" zurück.

Auch Russlands Präsident Wladimir Putin hatte in dem Dickicht aus Gefälligkeiten und Abhängigkeiten offenbar seine Finger im Spiel. So soll Diack im Vorfeld der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau das Gespräch mit Putin gesucht haben, um mit ihm die Problematik von neun des Dopings verdächtigen russischen Athleten zu lösen. Ob es zu einem Deal kam, ist offen. Schlussendlich, so der Bericht, sei keiner der verdächtigen Sportler in Moskau an den Start gegangen.

Helmut Digel, ehemaliger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und Council-Mitglied von 1995 bis 2015, wies den Vorwurf der organisierten Korruption innerhalb der IAAF zurück. "Das ist nicht akzeptabel", sagte Digel dem SID: "Ich habe von diesen Vorgängen zu keinem Zeitpunkt etwas gewusst." Er habe sich immer wieder "mit Herrn Diack angelegt". Aber Präsidenten hätten in den Strukturen der Verbände eine nahezu "uneingeschränkte Macht", gegen die es nicht so einfach sei, "vorzugehen". Digel hätte sich "niemals vorstellen können, dass es solche Ausmaße der Korruption innerhalb der IAAF geben könnte". Digel forderte zudem umfassende Strukturreformen innerhalb der IAAF.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) unterstrich am Donnerstag in einer ersten Reaktion indes die Bedeutung des Schutzes sauberer Athleten: "In dieser Hinsicht werden wir weiter eng mit der neuen IAAF-Führung zusammenarbeiten." Nun stehe zunächst eine genaue Bewertung des Berichts an.

Schon im ersten Teil des Untersuchungsberichts hatte Pound massive Dopingverfehlungen in der russischen Leichtathletik festgestellt, unter anderem wurde daraufhin der russische Verband ARAF aus der IAAF ausgeschlossen. Den russischen Leichtathleten droht damit das Aus für Olympia in Rio. Pound zeigte sich in Unterschleißheim allerdings zuversichtlich, dass russische Athleten in Rio an den Start gehen werden - sofern die erforderlichen Reformen umgesetzt werden. Dies muss nun ausgerechnet Coe weiter überwachen.

(sid)
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