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WM in London
Leichtathletik-Publikum kommt in die Jahre

Die schönsten Athletinnen der Leichtathletik-WM 2017
Die schönsten Athletinnen der Leichtathletik-WM 2017 FOTO: rtr, gb
London. Die olympische Kernsportart sucht nach Wegen, jüngere Zuschauer zu gewinnen. Ein Patentrezept gibt es nicht. Von Stefan Klüttermann

Die Kommentare reichen von "gigantisch" (Kugelstoßer David Storl) über "atemberaubend" (Diskuswerfer Robert Harting) bis zu "surreal" (Sprinterin Gina Lückenkemper). Die Begeisterung der Athleten über die Begeisterung des englischen Publikums für die Leichtathletik-WM in London ist groß. Sie ist Balsam für Sportler, die zuletzt drei stimmungsarme Titelkämpfe in Peking, Moskau und Daegu/Südkorea sowie enttäuschende Leichtathletik-Abende bei den Olympischen Spielen in Rio erleben mussten. Wer indes allabendlich nach Wettkampfende zur U-Bahn-Station Stratford geht, stellt beim Rundumblick auf die tausenden Mitpilger fest: Das Leichtathletik-Publikum ist gealtert.

"Das stimmt. Und in Deutschland haben wir diese Feststellung ja schon viel häufiger gemacht. Es ist eine aussterbende Generation, deren Herz an der Leichtathletik hängt", sagt Paul-Heinz Wellmann, Olympiadritter 1976 über 1500 Meter und langjähriger Geschäftsführer der Leichtathleten im TSV Bayer 04 Leverkusen. Für seine Sportart ist diese Erkenntnis ein zweischneidiges Schwert: Einerseits freut sie sich, dass es dieses treue, oft zahlungskräftige Publikum gibt. Und bei Eintrittspreisen für eine Samstagabend-Session bei der WM von im Schnitt umgerechnet 112 Euro als Erwachsener ist Kaufkraft auch kein unwesentlicher Faktor für einen Leichtathletik-Fan. Andererseits gilt es, sich zwei Fragen zu stellen: Warum ist der Altersschnitt der Zuschauer so, wie er ist? Und wie holt man die nächste Generation ins Stadion?

Auf die erste Frage weiß Clemens Prokop, scheidender Vorsitzender des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, eine Antwort: "Früher kam jeder Schüler mit Leichtathletik in Kontakt. Heute ist das nicht mehr automatisch der Fall." Wer als Kind in Berührung mit Leichtathletik kam, den begleitet eben auch ein Interesse für sie durchs Leben – so die Theorie. Michael Huke ist Manager der Sprinter-Hochburg TV Wattenscheid. Er ist Anhänger dieser Sichtweise. Und er leitet aus ihr eine Forderung ab. "Man muss die Leichtathletik wieder als Grundsportart in der Schule etablieren", sagt er. Denn ohne eine Verankerung der Leichtathletik im Schulalltag gingen neben künftigen Zuschauern auch künftige Athleten verloren. "Es gibt keine flächendeckenden Talent-Sichtungs- und Förderprogramme. Talentfindung ist in Deutschland eine Zufallsgeschichte."

"Ein Patentrezept gibt es nicht"

Was also tun, um neue, jüngere Zuschauer zu gewinnen? "Ein Patentrezept gibt es nicht", sagt Prokop. "Klar ist aber, die Leichtathletik muss sich weiterentwickeln. Und die Leichtathletik der Zukunft wird in den Stadien und den Innenstädten stattfinden. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Wettkämpfe in den Städten stattfinden als bisher."

Wettkampfformate wie das Aachener Domspringen, ein Stabhochsprung-Wettkampf vor historischer Kulisse. Oder der Nationen-Kampf "Berlin fliegt" vor dem Brandenburger Tor. Es gibt sie, die Ideen, Konzepte, Versuche, die Leichtathletik zukunftsfähig zu machen. "Ja, man bemüht sich", attestiert auch Wellmann. Und immer geht es dabei um zwei Aspekte: Alles soll kompakter und komprimierter werden. Denn, so Huke: "Regionale Sportfeste von 9 bis 19 Uhr mit zwischendurch gähnender Langeweile muss man dringend überdenken."

Große Hoffnungen setzt die Leichtathletik auf die Heim-EM in Berlin im kommenden Jahr. Sie soll die perfekte Plattform sein, um zu zeigen: Leichtathletik ist spannend, begeisternd und sexy. Mehr als 40.000 Tickets sind schon verkauft. Die EM wird Teil der erstmals kombinierten "European Championships" sein. Unter einem Dach finden in den ersten beiden August-Wochen Europameisterschaften in der Leichtathletik, im Schwimmen, Turnen, Radfahren, Triathlon, Golf und in der Gymnastik statt.

Die Nicht-Leichtathleten treten parallel zur EM in Berlin in Glasgow an. Es ist der nächste Versuch hin zum Patentrezept. Und das nicht nur in der Leichtathletik.

Quelle: RP
 
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