Marcelo Rios gibt auf: Leichtes Spiel für Haas - Huber im Glück
zuletzt aktualisiert: 31.05.2000 - 21:20Paris (sid). Leichtes Spiel für Tommy Haas, Schwerstarbeit für Anke Huber. Während der 22 Jahre alte Daviscupspieler im kühlen Paris nach nur 65 Minuten gegen den lustlosen Chilenen Marcelo Rios als Aufgabe-Sieger vom Platz ging, musste die beste deutsche Tennisspielerin am Kindertag der French Open lange zittern, ehe sie kurz vor Einbruch der Nacht die 17-jährige Russin Nadeschda Petrowa doch noch mit 3:6, 6:4, 7:5 bezwungen hatte.
Die Schlagzeilen am dritten Tag von Roland Garros schrieb allerdings die unscheinbare Belgierin Dominique van Roost, die auf dem Court Central völlig überraschend die Weltranglisten-Zweite Lindsay Davenport (USA) stürzte und nach dem 6:7, 6:4, 6:3-Erfolg in Tränen zerfloss, nachdem ihre Mutter erst vor zwei Monaten gestorben war.
Ausgerechnet an ihrem 27. Geburtstag feierte die schüchterne Belgierin den größten Erfolg ihrer Karriere. Nach 2:18 Stunden machte sie mit dem ersten Matchball die Sensation gegen die angeschlagene Davenport (Rückenprobleme) perfekt, die nach dem Australian-Open-Titel erst die dritte Niederlage des Jahres 2000 kassierte. "Ich hoffe, mein Vater hat im Fernsehen zugeschaut", stammelte van Roost unter Tränen. Am 26. März war ihre Mutter an Krebs gestorben. Damals dachte Dominique van Roost ans Aufhören, nun widmete sie den großen Tag "als Trost meiner Familie."
Haas führte gegen den ehemaligen Weltranglisten-Ersten Rios bereits 6:3, 6:2, ehe sein lustloser Gegner wegen Adduktorenproblemen aufgab. "Das war kein richtiger Test", gestand der deutsche Daviscupspieler nach dem undramatischen Aufgalopp: "Ich bin auf Sand jetzt besser in Form, aber meine Chance auf den Titel hier ist dünn."
In der zweiten Runde spielt die Nummer 31 im Champions Race am Donnerstag gegen den Italiener Andrea Gaudenzi, 26 Jahre alt und nur Nummer 143 der neuen Saisonwertung. Die Weltranglistenzwölfte Huber verwandelte gegen die Weltranglisten-62. Petrowa nach 1:57 Minuten ihren dritten Matchball und trifft nach der Zitterpartie auf die Amerikanerin Corina Morariu, 33. im Computer.
Weniger dramatisch arbeiteten in Paris die übrigen deutschen Tennisprofis am Tag nach dem großen Regen. Markus Hantschk (München) gewann das deutsche Duell gegen Daviscupspieler David Prinosil 6:2, 6:7, 7:6, 6:4 und darf nun gegen Australiens Dauerläufer Lleyton Hewitt antreten. Auch Meike Babel (Neu-Isenburg) und Marlene Weingärtner (Leimen) erreichten die zweite Runde.
Jana Kandarr (München), bei den Australian Open überraschend im Achtelfinale und damit für Olympia 2000 qualifiziert, verlor hingegen wie erwartet 0:6, 3:6 gegen die Amerikanerin Venus Williams (Nr. 4). Auch Qualifikantin Angelika Bachmann (München), Alexander Popp (Hagen) und Christian Vinck (Halle) gegen den Briten Tim Henman schieden aus.
Haas hatte sich vor dem ersten Aufschlag in Paris noch als "krassen Außenseiter" bezeichnet, doch dann kam auf dem nassen Court Suzanne Lenglen alles ganz anders. Mit einem Ass holte sich der gebürtige Hamburger den zweiten Satz, dann packte "Tennisflegel" Rios sichtlich angefressen seine Tasche und verschwand unter einem gellenden Pfeifkonzert der 5.000 Zuschauer.
"Ich hatte schon vor dem Match Schmerzen. Und wenn du gegen einen starken Gegner nicht 100-prozentig fit bist, macht es keinen Sinn, weiter zu spielen", erklärte der 24-jährige Chilene später seine Aufgabe lapidar. Vor einem halben Jahr hatte sich Rios einer Leistenoperation unterzogen, erst im Februar kehrte er ins Tennis zurück und kämpft seitdem um den Anschluss. Haas nahm das Pech des Gegners nicht weiter tragisch: "Er hat zum Schiedsrichter gesagt, er könne sich nicht mehr bewegen. Wir alle wissen ja, wie Marcelo ist."
Zwei Tage nach dem schnellen Abschied des verletzten Nicolas Kiefer zeigte sich Haas trotz ungemütlicher Temperaturen und tiefer Plätze von seiner besten Seite. Geduldig wartete er auf seine Chance. "Es war sehr schwierig. Die Bälle waren sehr schwer, ich glaube, ich habe noch nie auf einem so langsamen Platz gespielt." Die Leistung gegen den lustlosen Rios schätzte er durchaus richtig ein: "Er war sehr ungeduldig, das kam mir entgegen."
In der dritten Runde träfe der Deutsche auf den an Nummer neun gesetzten Russen Marat Safin, nach den Turniersiegen in Barcelona und Mallorca einer der Geheimfavoriten in Paris. Für Haas kein Problem, alles nur eine Frage der Geduld. "Meine Zeit wird noch kommen. Ich brauche noch zwei, drei Jahre, bis ich wirklich topfit bin. Von der Fitness her, von der Turnierplanung her, von der Taktik her. Da muss ich noch viel arbeiten. Ich bin noch kein 100-prozentig kompletter Spieler."
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