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Paris
Lückenlose Doping-Tests unmöglich

Paris. Anti-Doping-Programm der Uefa beim Turnier in Frankreich steht in der Kritik. Von Dominik Kortus und Jan Mies

Schon lange vor Anpfiff des Eröffnungsspiels hatte das Thema Doping auch die Fußball-EM erreicht. Mamadou Sakho, Innenverteidiger der französischen Nationalmannschaft, verpasst das Turnier im eigenen Land - wegen eines positiven Dopingtests. Zwar wurde die Suspendierung des 26-Jährigen vom FC Liverpool inzwischen aufgehoben, eine Nominierung kam für den französischen Nationaltrainer Didier Deschamps allerdings nicht mehr in Frage.

"Wir sind sehr gespannt, wie der Fußball diesen offensichtlichen 'Unfall' bei Sakho verkauft. Alles andere als ein skandalöses Vorgehen der Fußballverbände würde mich wundern", sagte der Pharmakologe und Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel. Das Misstrauen sitzt tief - auch gegenüber dem Doping-Kontrollsystem der Uefa bei der EM.

Vor dem Anpfiff in Frankreich haben die Doping-Jäger 1278 Proben bei den Nationalmannschaften abgeholt. Während der 51 Turnierspiele werden jeweils zwei Spieler pro Team zur Kontrolle (Blut, Urin und Serum) gebeten - "mindestens", wie die Uefa betont. Mehr Tests kosten aber auch mehr Geld, eine lückenlose Aufklärung während der EM kann deshalb kaum garantiert werden.

Das Programm, das auch einen Athletenpass umfasst, sei aber "so umfangreich wie nie zuvor", sagte Marc Vouillamoz, Anti-Doping-Direktor der Uefa. Insgesamt eine Million Euro lässt sich die Uefa das kosten. Doch ein grundlegender Interessenkonflikt bleibt.

Sowohl die Durchführung der Tests als auch der Umgang mit den Ergebnissen liegt in den Händen des europäischen Verbandes. Allerdings sollen mögliche positive Fälle auch an die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada gemeldet werden. Eine Vertuschung von Dopingvergehen wäre damit unmöglich.

Mauscheleien "möchte ich niemandem unterstellen", sagte Andrea Gotzmann, Vorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) und Mitglied im Anti-Doping-Beratergremium der Uefa. "Mein Eindruck ist, dass dort gute Arbeit geleistet wird. So transparent ist das System." Allerdings sieht auch sie Verbesserungsbedarf. "Wir in Deutschland fordern, dass die nationalen Verbände sowohl Test- als auch Ergebnismanagement an die neutralen Institutionen abgeben. International ist das nicht der Fall. Diese Interessenskonflikte müssen aufgelöst werden."

Konsequenzen müssen die Nationalmannschaften erst fürchten, wenn mehr als zwei Spieler als Doping-Sünder überführt werden. Aufbewahrt für Nachtests werden die Proben derzeit mindestens vier Jahre, theoretisch wäre bei positiven Proben im Nachklapp sogar die Aberkennung des EM-Titels möglich.

Eine Einladung an die Wada hat die Uefa geschickt, diese habe allerdings abgelehnt, eigene Beobachter nach Frankreich zu schicken. Nach Angaben der Uefa habe die Wada "volles Vertrauen in das Anti-Doping-Programm" und fokussiere "ihre Ressourcen auf die Olympischen Spiele in Rio". Für Sörgel reichen die Anstrengungen allerdings keinesfalls aus. "Das gesamte Management des Dopingtests gehört keineswegs, auch nicht in Teilen, in die Hände eines Verbandes. Das ist für mich eigentlich nicht akzeptabel, dass die Uefa das Ergebnismanagement im Griff hat. Ich hatte gedacht, dass wir diese Zeiten hinter uns gelassen hätten", sagte er.

(sid)
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