Bach: "Das wäre schrecklich": Mafia-Boss soll olympische Entscheidungen beeinflusst haben
zuletzt aktualisiert: 01.08.2002 - 15:13Washington/Moskau (rpo). Das amerikanische Bundeskriminalamt FBI hat anscheinend eine neue Dimension des Betrugs im olympischen Sport aufgedeckt. Angeblich nahm ein russischer Mafia-Boss Einfluss auf Eiskunstlauf-Entscheidungen.
Die Einflussnahme durch Alimsan Tochtachunow soll sich bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City in den Entscheidungen des Paarlaufs und des Eistanzes ereignet haben. Auf Intervention der Staatsanwaltschaft ist Tochtachunow am Mittwoch in Norditalien in Haft genommen worden. Die USA wollen seine Auslieferung.
"Wenn sich das bewahrheitet, wäre das schrecklich und eine grausame Entwicklung für den Sport", sagte der deutsche Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach. Der Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim hatte im Februar entscheidenden Anteil an dem Votum des IOC-Exekutivkomitees, neben dem umstrittenen russischen Siegerpaar Elena Bereschnaja/Anton Sicharulidse auch den zweitplatzierten Kanadiern Jami Sale/David Pelletier die Goldmedaille zuzuerkennen. Der Sieg der Russen hatte die Winterspiele als Skandal überschattet und besonders in Nordamerika Empörung ausgelöst.
In einem Sportgerichtsverfahren hatte die Internationale Eislauf- Unon (ISU) die französische Preisrichterin Marie-Reine Le Gougne und den französischen Verbandspräsidenten Didier Gailhaguet als Übeltäter ausgemacht, sie zu einer Sperre von je drei Jahren verurteilt und von den Winterspiele 2006 in Turin verbannt. Gailhaguet soll auf Le Gougne Druck ausgeübt haben, um für die russischen Paarläufer zu stimmen.
Das FBI ermittelt fieberhaft
Die Ermittlungen des FBI, die am Mittwoch in New York bei einer Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft bekannt gemacht worden sind, führten zur Spur von Tochtachunow, einem 1949 im usbekischen Taschkent geborenen Russen. Er soll nach Moskauer Berichten einer der einflussreichsten Figuren der russischen Mafia im Ausland sein und seiner Tätigkeit unter dem Spitznamen "Taiwantschik" (der kleine Taiwanese) nachgehen. Zuletzt habe Tochtachunow, der auch die israelische Staatsbürgerschaft besitzt, junge russische Models in den Westen vermittelt.
Nach Aussage von US-Richter Jemes B. Comey hat Tochtachunow einen "klassischen Deal" versucht: Die französische Punktrichterin sollte für Bereschnaja/Sicharulidse stimmen, dafür sollte der russische Kollege im Eistanz die Stimme der Ex-Russin Marina Anissina und ihrem französischen Partner Gwendal Peizerat geben. Tatsächlich siegte das französische Paar mit 5:4 Richterstimmen vor den Russen Irina Lobatschewa/Ilja Awerbuch. Richterin Le Gougne hatte unmittelbar nach der Paarlauf-Entscheidung von einem "Erpressungsversuch" gesprochen, diese Aussage jedoch zurückgenommen.
Die Staatsanwaltschaft bezieht sich bei ihrer Anklage auf eine Serie abgehörter Telefonate von Tochtachunow aus Italien mit ungenannten Personen während der Winterspiele in Salt Lake City. Nach der Eistanz-Entscheidung soll eine Läuferin Tochtachunow angerufen und dabei behauptet haben, sie hätte auch ohne die russische Hilfe gewonnen. Der russische Preisrichter "hat uns nicht auf den ersten Platz gesetzt". Bei dieser Läuferin handelt es sich offensichtlich um Goldmedaillen-Gewinnerin Anissina.
Bach: Man muss dem fall sorgsam nachgehen
In einer ersten Stellungnahme zeigte sich ISU-Präsident Ottavio Cinquanta (Italien) "aufs Äußerste schockiert". Der Name Tochtachunow sei in der zweimonatigen Untersuchung seines Verbandes nie aufgetaucht. Gegenwärtig gebe es noch zu wenig Informationen, um eine neue Untersuchung zu starten. "Wir können nicht auf der Grundlage von noch unbewiesenen Anschuldigungen arbeiten." Der Russe sei auch nicht Mitglied der ISU-Familie. "Wir haben unsere Arbeit getan. Jetzt ist eine andere Arbeit zu erledigen."
Bach sagte für das IOC, "man muss dem Fall sorgfältig nachgehen". Es müsse alles getan werden zur Aufklärung. Doping sei die große Gefahr des Sports "von innen. Der Versuch der Fremdbestimmung mit kriminellen Mitteln wäre eine neue Dimension. Es kann nur heißen: Wehret den Anfängen." Dabei gehe es um die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und Prävention. Der Fall solle auch bei dem Treffen der IOC-Exekutive Ende August in Lausanne mit den internationalen Verbänden angesprochen werden. Sie seien neben dem IOC die "wirklich Betroffenen".
Das Nationale Olympische Komitee (NOK) Russlands hat sich von Tochtachunow distanziert. Es habe mit dem seit langem in Frankreich lebenden Geschäftsmann nichts zu tun, teile NOK-Sprecher Gennadi Schwez in Moskau mit. In der Nachwendezeit waren in Russland immer wieder Hinweise aufgetaucht, die Mafia nehme Einfluss auf Spitzensportler und Funktionäre. Dabei gab es auch Gerüchte, dass kriminelle Elemente Eiskunstläufer finanziell unterstützen würden.
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