In Athletik, Fitness und Einstellung immer noch Vorbild: Martina Navratilova hasst Niederlagen
zuletzt aktualisiert: 08.06.2000 - 13:07Paris (dpa). Das Hosiannah ist verklungen - aber Martina Navratilova (Foto) will auch nach Wimbledon die Uhr des Welt-Tennis weiter zurückdrehen. "Ein bisschen Spaß muss sein. Schon möglich, dass ich auch bei den US Open spiele und, wer weiß, vielleicht sogar noch im kommenden Jahr."
Die Gedanken an die sportliche Revanche ließen den Frust der 43-Jährigen langsam schwinden. Das Scheitern bei ihrem Grand-Slam-Comeback schon im Achtelfinale der French Open gegen Nathalie Tauziat/Alexandra Fusai ärgerte sie wie man es aus ihren besten Zeiten gewohnt war.
"Ich hasse es zu verlieren", meinte sie und schimpfte auf die Spielplangestalter, die sie und ihre südafrikanische Partnerin Mariaan de Swardt gleich zwei Mal auf den Platz geschickt hatten. Erst in der hereinbrechenden Dunkelheit und dann noch einmal am Morgen danach. "Das verstehe wer will", meinte die Amerikanerin und schüttelte genervt den Kopf.
Die erste Euphorie über den "Besuch der alten Dame", die sich 1994 nach ihrem Erstrunden-Aus gegen Miriam Oremans eigentlich für immer aus Roland Garros verabschiedet hatte, war rasch gewichen. Die Show der noch immer durchtrainierten und vor Ehrgeiz sprühenden Mittvierzigerin und ihrer stämmigen Kollegin riss die Zuschauer nur in Maßen von den Sitzen. Ein Vergleich mit dem Schauspiel eines John McEnroe, der beim letztjährigen Wimbledon von Steffi Graf das Mixed- Turnier an der Seite der Brühlerin zu einem Ereignis der besonderen Art gemacht hatte, drängte sich nie auf.
Die French Open gingen nach dem ersten Ballwechsel der von Steffi Graf zur besten Tennisspielerin des Jahrhunderts erklärten Navratilova zur Tagesordnung über. Der große Star wurde sogar hin und her geschickt. Als sich der Spielplan einmal um einige Minuten verschob, wurde sie kurzerhand vom Center Court auf einen kleineren Platz verbannt. An Majestätsbeleidung dachte dabei niemand. Die Zeit kann Martina Navratilova nicht anhalten und die Relationen auch nicht verschieben. "Es ist kein Ruhmesblatt fürs Welt-Tennis, wenn eine 43- Jährige mehr Interesse erweckt als die aktuellen Spitzenspieler", meinte Boris Becker und durfte sich breiter Zustimmung sicher sein.
"Ich kam mit einem athletisch großartigen Körper auf die Welt, Anna Kurnikowa mit einem tollen Aussehen." Damit traf Martina Navratilova sicher den Nagel auf den Kopf. In punkto Athletik, Fitness und Einstellung ist sie der heutigen Generation noch immer ein Vorbild. Aber der Zahn der Zeit hat auch an ihr, der 19fachen Wimbledon-Siegerin genagt, die im All England Club neun Mal im Einzel, sieben Mal im Doppel und drei Mal im Mixed gewann. Die Krönung, Titel Nummer 20, blieb ihr 1996 im Finale gegen Conchita Martinez verwehrt.
Auf dem "heiligen Rasen", wo sie sich "so viel wohler fühlt als auf dem roten Sand" in Paris, soll ihre Comeback-Story in gut zwei Wochen weiter geschrieben werden. Dann wird auch die Frage wieder aktuell, warum sie sich das antut, sechs Jahre nach dem Ende ihrer Traumkarriere, in der sie 332 Wochen die Nummer eins war, 167 Turniere im Einzel und 165 im Doppel gewann. Der Spaß am Siegen, den sie mit ihrem Eishockey-Team der Aspen Mother Puckers als nationaler Meister nur im Winter hat, ist es sicherlich. Vor allem aber wohl die Sucht nach öffentlichen Auftritten, die sie in Roland Garros mit Schoßhündchen und langen Monologen auslebte.
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