Porträt der French-Open-Siegerin: Mary Pierce: Eine Amerikanerin in Paris
zuletzt aktualisiert: 11.06.2000 - 14:07Paris (sid). Als die französische Diva am Ziel aller Träume war, war sie plötzlich, was sie in Wirklichkeit ist: eine Amerikanerin in Paris. Telegen wischte sich Mary Pierce ein Tränchen aus dem Auge, zupfte das blonde Haar zurecht, räusperte sich mehrmals - und dankte dem Publikum in stockendem französisch mit deutlich amerikanischem Akzent.
"Diesen Tag werde ich nie vergessen", flötete die gebürtige Kanadierin nach dem leichten 6:2, 7:5-Erfolg im Finale der French Open gegen die Spanierin Conchita Martinez ins Mikrophon. "Heute ist ein Traum wahr geworden, den ich immer, immer geträumt habe." Dann schwenkte sie um auf englisch, dankte ihren Freunden, der Familie und sogar ihrem Vater Jim, der sich längst von ihr und der Mutter getrennt hat: "Er hat sicher irgendwo auf der Welt zugesehen."
Ein paar Zuschauer pfiffen, die meisten applaudierten, aber irgendwie war die Stimmung im mit 15.400 Zuschauern gefüllten Stade Roland Garros seltsam gedämpft, obwohl zum ersten Mal seit 33 Jahren eine Französin die French Open gewonnen hatte und sogar Frankreichs Premierminister Lionel Jospin im Stadion saß.
Keine stehenden Ovationen wie im letzten Jahr, als Steffi Graf in einem denkwürdigen Finale gegen Martina Hingis den 22. und letzten Grand-Slam-Titel ihrer Karriere holte. Keine glückstrahlende Siegerin, keine zu Tode betrübte Verliererin. Und schon gar keine Feier, schließlich wollte "Queen Mary" am nächsten Tag zusammen mit Martina Hingis "noch unbedingt das Doppel-Finale gewinnen."
Der Tag endete beiläufig, obwohl der Anlass großartig war. In einem lange Zeit schwachen Endspiel besiegte Mary Pierce die spanische Altmeisterin Conchita Martinez, ohne ihr bestes Tennis zeigen zu müssen, und trug sich als erste Französin seit Francoise Durr 1967 in die Siegerliste der French Open ein. Beide Aktricen begannen hypernervös, doch dann bekam die 25-jährige Französin ihre Nerven besser in den Griff. Nach 1:52 Stunden verwandelte sie mit einem starken Aufschlag den dritten Matchball.
Nur als sie zu Beginn des zweiten Satzes 0:2, 15:40 hinten lag, musste sie kurz zittern, doch Conchita Martinez konnte ihren Vorteil nicht nutzen. "Ich war heute extrem nervös", gab die 28-jährige Spanierin hinterher zu, deren Sportpsychologe Guillermo Perez zum ersten Mal neben Trainerin Patricia Tarabini in der Box saß: "Ich war nie locker im Arm oder den Beinen. Mal war es okay, aber meist habe ich jämmerlich gespielt." Genau so war es.
Mary Pierce, die im Halbfinale gegen die Weltranglistenerste Martina Hingis ihr Meisterstück machte, hatte den Sieg verdient. Nach den Australian Open 1995 war es der zweite Grand-Slam-Titel ihrer langen Karriere, wichtiger aber war, dass sie die French Open im zweiten Anlauf nach 1994 gewann. Vor sechs Jahren war sie im Finale an Arantxa Sanchez kläglich gescheitert (4:6, 4:6), obwohl sie nach dem 6:2, 6:2 gegen Steffi Graf im Halbfinale als klare Favoritin galt. Damals pfiffen sie die Franzosen aus, diesmal spendeten sie ihr freundlichen Applaus.
"1994 war ich völlig verkrampft, einfach nicht fähig, mein Spiel zu spielen", schilderte die tiefgläubige Mary ("Ich lege alles in Gottes Hand") den feinen Unterschied: "Heute weiß ich, was ich tun muss. Auch heute war ich nervös, aber nicht zu nervös." Als zusätzlichen Lohn zum silbernen Coupes Suzanne Lenglen gab es ein Preisgeld von 1,22 Millionen Mark und die Gewissheit, in der Weltrangliste vom siebten auf den dritten Platz zu klettern. Ihre beste Platzierung seit 1995.
Im Alter von 13 Jahren kam Mary Pierce, in Montreal als Tochter eines Kanadiers und einer Französin geboren, nach Frankreich, weil Vater und Trainer Jim dort bessere Möglichkeiten sah, aus seiner Tochter eine berühmte Tennisspielerin zu machen. "Ich konnte kein französisch, war zum ersten Mal in meinem Leben ganz allein", kurzum: Sie fühlte sich nicht wohl. Nur drei Jahre später kehrte sie nach Nordamerika zurück. Heute lebt sie in Bradenton/Florida und ist seit längerem mit dem amerikanischen Baseball-Star Roberto Alomar von den Cleveland Indians verlobt.
Mary Pierce fühlt sich als Amerikanerin, die zufällig in Montreal geboren ist und auch einen französischen Pass besitzt. Ob sie bei Olympia 2000 in Sydney für Frankreich antritt oder gar für die USA, wollte sie nicht verraten. "Kein Kommentar zu Olympia und zum Federation-Cup." Frankreich hat sich seit dem 10. Juni mit ihr versöhnt, aber eine richtige Französin wird Mary Pierce nicht mehr werden. Warum auch?
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