Martina Hingis scheiterte auch im sechsten Anlauf: Mary Pierce - zweite Chance nach sechs Jahren
zuletzt aktualisiert: 09.06.2000 - 13:07Paris (sid). Die eine kämpfte am Ende mit Krämpfen, die andere war zu verkrampft, um das Schicksal noch zu wenden. Mit verweinten Augen saß Martina Hingis nach der bitteren Niederlage im Halbfinale der French Open gegen Mary Pierce im großen Interviewsaal des Stade Roland Garros und spielte die gute Verliererin: "Mary hat großartig gespielt, sie hat den Sieg verdient. Ich war zu müde im dritten Satz, sie war heute eindeutig die Bessere."
Komplimente über Komplimente, wie es tief drinnen aussah, sollte keiner wissen. Martina Hingis war nicht Martina Hingis. Weder auf dem Platz, noch nach dem Spiel. 4:6, 7:5, 2:6, zwei Stunden und zehn Minuten lang umsonst gerannt, auch der sechste Anlauf auf den letzten ihr fehlenden Grand Slam-Titel war vergebens. Doch im Gegensatz zum vergangen Jahr, als sie nach einem denkwürdigen Finale gegen Steffi Graf die Beherrschung verlor und gegen die Siegerin giftete, hatte sich die Weltranglisten-Erste diesmal im Griff.
Wenn am Samstag (ab 13.00) Mary Pierce und die spanische Altmeisterin Conchita Martinez auf dem berühmten Court Central um die Sandplatz-Krone kämpfen, ist Martina Hingis wieder einmal zum Zuschauen verdammt. Frustrierend, aber kein Grund zur Resignation. "Das ist kein Drama", behauptete die 19-jährige Schweizerin, die seit eineinhalb Jahren (Australian Open 1999) auf ihren sechsten Grand-Slam-Titel warten muss: "Ich brauche die French Open nicht, um zu überleben. Außerdem habe ich noch viele Jahre vor mir."
Die eine setzt auf ihre Jugend und die Zukunft, die anderen spielen in der Gegenwart. Vor allem Mary Pierce. Schon vor sechs Jahren stand die blonde Diva mit den großen Gesten im Finale der French Open. Damals hatte sie im Halbfinale Steffi Graf mit 6:2, 6:2 vom Platz gefegt, doch im Endspiel gegen Arantxa Sanchez versagten ihr die Nerven. 4:6, 4:6 - die Franzosen pfiffen sie gnadenlos aus.
"Damals war ich extrem nervös", erinnerte sich Mary Pierce. Schon vor dem Spiel dachte sie nur über die Siegesrede nach: "Oh Gott, die muss ich auf französisch halten. Ich habe die ganze Nacht geübt." Doch dann ging sie als Verliererin vom Platz, brachte kaum einen Ton hervor - und verscherzte es sich mit dem Publikum.
"Ich habe daraus viel gelernt", sagt Mary Pierce heute: "Ich werde auch diesmal nervös sein, aber nicht blockiert." Nach dem Marathon gegen Hingis musste sie sich drei Stunden lang wegen Krämpfen in den Beinen behandeln lassen. Erst abends um neun Uhr kam sie zur Pressekonferenz. "Ich hatte noch nie Krämpfe, es ist das erste Mal in meinem Leben", erzählte die Weltranglisten-Siebte. Trotz der Krämpfe wollte sie das Doppel-Halbfinale am Freitag mit Partnerin Martina Hingis unbedingt spielen: "Ich habe alles getan, um mich möglichst schnell zu erholen."
Ansonsten fühlte sich die tiefgläubige Mary ("Es liegt alles in Gottes Hand") großartig. Staatspräsident Jacques Chirac gratulierte ihr persönlich am Telefon, Premierminister Lionel Jospin schickte ihr ein Telegramm: "Es war ein großer Moment des Tennis." Sie sei unheimlich aufgeregt, es werde ein hartes Match gegen Conchita Martinez, aber sie sei bereit, antwortete Pierce stolz. Vor dem 17. Duell gegen die 28-jährige Spanierin gilt die drei Jahre jüngere Französin als leichte Favoritin. 10:6 führt sie im direkten Vergleich, das letzte Duell auf Sand vor einem Jahr in der zweiten Runde der French Open gewann allerdings Martinez.
Die Wimbledonsiegerin von 1994, die damals der großen Martina Navratilova den zehnten Titel auf dem heiligen Rasen verwehrte und in diesem Jahr zum ersten Mal das Endspiel von Paris erreichte, verfügt über ein unangenehmes und variables Spiel. "Ich habe große Lust auf mehr", sagte Martinez, nachdem sie die dreimalige Paris-Siegerin Arantxa Sanchez im ersten Halbfinale mit 6:1, 6:2 auseinandergenommen hatte: "Das war ein großer Tag für mich."
Egal, wer den silbernen Coupe Suzanne Lenglen am Samstag gewinnt, eine Debütantin wird die Nachfolge von Steffi Graf als Königin von Paris antreten. Einziger Trost für die große Verliererin der French Open 2000: Martina Hingis bleibt die Nummer eins der Weltrangliste vor Lindsay Davenport (USA), die schon in Runde eins gegen die Belgierin Dominique van Roost verlor. Mary Pierce klettert vom siebten auf den dritten Rang, Conchita Martinez verbessert sich um einen auf den vierten Platz unmittelbar vor der Amerikanerin Venus Williams.
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