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Leichtathletik: Beinamputierter wird über 400m Zweiter

VON LUDWIG JOVANOVIC - zuletzt aktualisiert: 14.07.2007 - 10:58

Rom (RPO). Sensation beim Golden-League-Meeting der Leichtathleten in Rom: Der doppelseitig unterschenkelamputierte Südafrikaner Oscar Pistorius (21) wurde bei seinem ersten großen Auftritt in einem Rennen Nicht-Behinderter in 46,90 Sekunden Zweiter des 400-m-B-Laufs.

Seine Bestzeit steht bei 46,34. Um sich für Osaka zu qualifizieren, muss Pistorius die Norm von 45,95 schaffen. Dies will er am Sonntag im britischen Sheffield im Duell mit Olympiasieger Jeremy Wariner (USA) versuchen.

Beim Auftreten begleitet kein dumpfer Ton seine Schritte, sonden ein scharfes „Snick, snick, snick“. Es ist der Klang von Carbonfedern, die Oscar Pistorius zu einem Läufer auf Weltklasse-Niveau machen-obwohl dem 20-jährigen Südafrikaner seit der Geburt die Wadenbeine, die äußeren der beiden Unterschenkelknochen, fehlen.

Sein Vater Henke, Besitzer einer Zink-Mine, stand damals vor der Wahl: Entweder sein Sohn würde ein Leben im Rollstuhl verbringen oder die Ärzte würden ihm die Unterschenkel zwischen Knie und Knöchel amputieren. Seine Eltern entschieden sich für letzteres, als er elf Monate alt war. Schon ein halbes Jahr später machte der Junge seine ersten Schritte-auf Fiberglas-Prothesen. Er würde eben nichts anderes kennen, sagt Pistorius heute. Und „ich sehe mich nicht als behindert.“

Rugby-Spieler als Jugendlicher

Als Jugendlicher fing er an, Rugby zu spielen. Nach einer Knieverletzung entdeckte er im Januar 2004 dann eine neue Leidenschaft: das Laufen. Und das machen Prothesen des isländischen Spezialisten Össur möglich. Eins der j-förmigen „Ersatzbeine“ aus bis zu 90 Lagen Carbonfiber kostet zwischen 15000 und 18000 Dollar.

Dafür leisten sie buchstäblich Schwerstarbeit, wenn der Athlet zu einem seiner 200-Meter-Läufe ansetzt. Denn um den 80,5 Kilogramm schweren Pistorius dabei mit durchschnittlich 9,4Meter pro Sekunde zu bewegen, muss eine Energie von 3556 Joule aufgebracht werden. Bei einem Menschen mit zwei Beinen kommt die aus den Muskeln.

Bei dem Südafrikaner aus der Hüfte - und eben seinen „Cheetahs“ oder „Geparden“ genannten Prothesen. Sie treiben ihn wie Federn an. Aber sie gewinnen auch Kraft daraus, dass sich die Carbonlagen ineinander ver- und wieder entwinden.

Mit ein Grund, warum Pistorius auf den ersten 30 Metern zunächst ein wenig watschelt: Die Energie muss sich in den Prothesen aufbauen. Über die 100 Meter ist er darum auch nicht ganz so schnell wie über 200 und 400 Meter. Dann nimmt er regelrecht Fahrt auf. So sehr, dass er bei den Paralympics über jede dieser drei Strecken neue Weltrekorde aufgestellt hat.

Und bei den südafrikanischen Landesmeisterschaften ließ er fast die gesamte nicht-behinderte Konkurrenz hinter sich, obwohl er nach eigenen Angaben noch nicht austrainiert ist. Sollte Südafrika sich für die 4-mal-400-Meter-Staffel bei den olympischen Spielen in Peking qualifizieren, dürfte der 20-Jährige gesetzt sein - so denn der internationale Leichtathletikverband zustimmt.

"Schnellster Läufer ohne Beine"

Doch der tut sich etwas schwer mit dem „schnellsten Läufer ohne Beine“, wie sich Pistorius selbst nennt. Einer der Kritikpunkte: Während andere hart trainieren müssen und an die natürlich Grenzen ihres Körpers gehen, würde er „nur“ Techniker und besseres Material benötigen. Auch habe er den Vorteil einer höheren Reichweite-weil seine Prothesen etwa fünf Zentimeter länger sind als seine Beine normalerweise wären. So als ob er auf Zehenspitzen laufen würde. Zudem würden seine „Cheetahs“ mit jedem Schritt stärker federn als ein gewöhnlicher Fuß.

Trotzdem lässt der Leichtathletikverband ihn morgen im britischen Sheffield unter anderem gegen den 400-Meter-Olympiasieger Jeremy Wariner antreten lassen. Der Verband möchte sich selbst ein Bild machen und Pistorius danach eventuell erlauben, Ende August an der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im japanischen Osaka teilzunehmen. „Ich dominiere die Paralympics zwar gerne bis ans Ende meiner Karriere”, sagt er dazu. Aber vor allem wolle er Leichtathletikgeschichte schreiben.

Doch damit könnte Pistorius die Tür zum „Technodoping“ öffnen: Könnten Spitzensportler der Zukunft auf biomechanische Hilfsmittel setzen? Für den US-Physiker Hugh Herr ist die Antwort eindeutig: „Menschen mit normalen Körpern werden irgendwann die technische Aufrüstung wollen.“ Herr verlor mit 17 beim Bergsteigen beide Beine. Seitdem entwickelt er Prothesen, die sich wie ein Teleskop verlängern lassen oder sich in festes Eis krallen können - und mit denen der Biophysiker auf ausgedehnte Klettertouren geht.


 
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