Der Kopf ist frei, der Körper müde: Boris Becker: "Tommy Haas kann jeden schlagen"
zuletzt aktualisiert: 16.03.2004 - 16:10Neuss/Indian Wells (rpo). Nach seinem 7:6 (7:4), 3:6, 6:3-Erfolg gegen den früheren spanischen French-Open-Sieger Albert Costa kann Tommy Haas noch gar nicht glauben, was er bei seinem Comeback in Indian Wells gerade anstellt. Für den Ex-Profi Boris Becker kommt der Erfolg nicht überraschend: "Vom Talent her kann Tommy jeden Gegner schlagen."
"Ich spiele hier phasenweise, als wäre ich nicht 15 Monate, sondern gerade mal 15 Stunden weg gewesen", sagte der 25-jährige Haas. "Mein Kopf ist frei, aber vor allem die Schulter fühlt sich ein bisschen schlapp an."
Für den dreimaligen Wimbledonsieger Boris Becker, der wie viele Experten das Haas-Comeback mit einigem Staunen verfolgt, ist das eine ganz logische Folge. "Vom Talent her kann Tommy jeden Gegner schlagen, das ist gar kein Problem", sagte Becker am Dienstag in Berlin: "Die Frage ist jetzt, wie sein Körper nach der langen Pause reagiert." Talent hin oder her, Haas' Erfolge gegen Thomas Enqvist, Paradorn Srichaphan und Albert Costa haben auch Becker überrascht: "Drei Siege gegen Hochkaräter, das ist mehr als man zum jetzigen Zeitpunkt von Tommy erwarten durfte."
Und vor allem wohl deutlich mehr als der selber von sich erwartet hatte. Noch nach den beiden Erstrunden-Niederlagen in San Jose (gegen Vince Spadea) und Memphis (Alexander Popp) hatte Haas-Mentor Nick Bollettieri vehement gegen einen Start in Indian Wells plädiert und seinem langjährigen Zögling geraten, lieber erst bei Challenger-Turnieren die nötige Matchpraxis zu sammeln wie es einst Andre Agassi getan hatte. Doch Haas und sein persönlicher Coach Red Ayme setzten sich durch, getreu Tommys Motto: "Ich kann, was ich will."
Immerhin ließ sich Haas in seinem ungeduldigen Ehrgeiz davon abhalten, auch noch das Turnier in Dubai zu spielen. "Red und Nick hatten viel Mühe, mich davon zu überzeugen, dass es besser wäre, ein paar zusätzliche Trainingstage einzuschieben", erinnert sich Haas. Die turnierfreie Zeit hat er genutzt, um daheim in Florida vor allem Aufschläge zu trainieren. Das hat sich ausgezahlt, denn mittlerweile ist sein Aufschlag fast 30 km/h schneller als noch in San Jose. Gegen Albert Costa schlug er unter anderem acht Asse, nur sein früher so effektiver zweiter Aufschlag lässt noch ein wenig zu wünschen übrig.
Haas gewöhnt sich wieder ans Siegen
So ganz allmählich gewöhnt sich Tommy Haas wieder ans Siegen, und er findet "das auch gut so". Wichtig ist vor allem, dass "ich in den entscheidenden Situationen wieder taktisch clever und gut spiele. Bis vor kurzem wusste ich überhaupt nicht, wie ich zum Beispiel einen Breakball spielen sollte." Langsam kehrt der Instinkt des Profis zurück, der auch in Bedrängnis genau weiß, was zu tun ist: "Und wahrscheinlich kann sich niemand vorstellen, wieviel Selbstvertrauen so ein gewonnener Tiebreak gibt."
Trotz aller Erfolge bleibt Tommy Haas bescheiden. "Ich hebe nicht ab", sagt er: "Ich habe am eigenen Leib gespürt, wie zerbrechlich Glück und Zufriedenheit sind. Deshalb ist jeder Sieg ein kostbares Geschenk, für das ich tiefe Dankbarkeit empfinde."
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