Wimbledon: Briten haben eine neue Tennis-Hoffnung
zuletzt aktualisiert: 20.06.2005 - 12:25London (rpo). Das bedeutendste Tennis-Turnier der Welt beginnt heute in Wimbledon. Ganz Großbritannien hofft auf den ersten britischen Sieg seit 69 Jahren. Doch dieses Mal lastet nicht der gesamte Druck der britischen Bevölkerung auf den Schultern von Tim Henman, dem Vorzeige-Spieler von der Insel. Andy Murray aus Schottland heißt der neue Hoffnungsträger.
Während sich die Karriere des inzwischen 30 Jahre alten Engländers aus Oxford dem Ende neigt, hat der erst 18 Jahre alte Schotte aus dem 9000-Seelen-Ort Dunblane die Aufmerksamkeit der britischen Tennis-Fans auf sich gezogen. Schon vor seinem ersten Aufschlag in Wimbledon am Dienstag gegen den Schweizer George Bastl haben die Briten Andrew, genannt Andy, Murray dazu auserkoren, die Titelflaute britischer Männer bei den All England Championships zu beenden.
Die zarten Hoffnungen haben sich spätestens mit dem Erfolg beim Vorbereitungsturnier in Queens zu einem leichten Hype entwickelt, wo er den erstklassigen Rasenspieler Taylor Dent (USA) bezwang und dann knapp am noch besseren Rasenspieler Thomas Johansson (Schweden) scheiterte.
"Glaube, dass ich es schaffen kann"
Endlich, endlich scheint da wieder ein als Junior bereits erfolgreicher Brite den Sprung auf die Tour zu schaffen. "Die Erwartungen lassen mich kalt", sagt Murray: "Ob ich Erfolg habe, liegt allein an mir und meiner Arbeit. Ich glaube, dass ich es schaffen kann."
Der knapp 1,90 Meter lange Schlaks hat die schwerste Prüfung in seinem Leben bereits bestanden. Acht Jahre war er, als im März 1996 der Amokläufer Thomas Hamilton mit vier Gewehren bewaffnet die Grundschule von Dunblane stürmte und 16 Kinder und eine Lehrerin erschoss.
Der kleine Andy und sein ein Jahr älterer Bruder Jamie versteckten sich im Büro des Direktors und blieben unverletzt. "Ich erinnere mich nicht mehr genau. Ich versuche, gar nicht daran zu denken, aber ich spüre, dass da ständig etwas in meinem Hinterkopf lauert", sagt Andy Murray.
Eine Zeit lang hat er deshalb auch einen falschen Heimatort angegeben, wenn er sich bei Tennisturnieren irgendwo eingeschrieben hat: "Ich wollte nicht ständig auf die Geschehnisse angesprochen werden."
Orange-Bowl-Sieger
Tennis mag auch bei der Bewältigung des Traumas geholfen haben. Schon früh wurde er von Mutter Judy, früherer schottischer Meisterin und jetzt dort National Coach Judy, ausgebildet. Mit zwölf gewann er den Orange Bowl in Florida und die britische Meisterschaft der Unter-14-Jährigen.
Ausgerechnet Spaniens Tennis-Sensation, der knapp ein Jahr ältere Rafael Nadal sorgte dann mit einem Tipp für den nächsten Schritt. Murray meldete sich 16-jährig in der Tennis-Akademie von Sergio Casal und Emilio Sanchez bei Barcelona an, wo zahlreiche spanische Spieler zu Erfolgen gedrillt wurden.
"Dort konnte mich niemand erreichen, und ich trainiere mit Spielern, die älter und besser sind als ich", sagt er: "In den Trainingsruppen in Großbritannien wird es leicht langweilig, und dann ist man abgelenkt."
Das Junioren-Turnier der US Open hat er 2004 schon gewonnen, und im März wurde er als jüngster Spieler aller Zeiten ins britische Daviscup-Team berufen. Doch die öffentliche Aufmerksamkeit und seine Rolle als Hoffnungsträger nervt den jungen Mann: "Ich messe meinen Erfolg nicht an der Menge der Zeitungsveröffentlichungen."
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