Leichtathletik-EM: Die Multikulti-Teams
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 02.08.2010 - 18:23Barcelona (RP). Matthias de Zordo hält jetzt einen Weltrekord. So weit wie der für Saarbrücken startende Rheinhesse hat auf der ganzen Welt noch nie ein Linkshänder diesen Speer geworfen. 87,81 Meter – nur der Norweger Andreas Thorkildsen kam bei der EM in Barcelona überhaupt noch ein Stückchen weiter.
De Zordo (22) ist ein ganz typischer Vertreter der deutschen Mannschaft. Nicht nur wegen seines geringen Alters. Denn wie sein Name schon andeutet, hat er das, was im Behördendeutsch Migrationshintergrund heißt. Sein Opa wanderte vor ein paar Jahrzehnten aus dem Süden Italiens nach Deutschland ein. Die Sprache seiner Vorfahren spricht der Silbermedaillengewinner zwar nicht, ein bisschen fühlt er sich der Familiengeschichte aber doch verbunden.
So wie Einwandererkinder die Fußball-Nationalelf bei der Weltmeisterschaft in Südafrika prägten, stellt sich die EM-Auswahl der Läufer, Werfer und Springer als bunt gemischtes Abbild der Gesellschaft dar. "Das ist gelebte Integration", sagt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands.
Die Leverkusener 400-Meter-Läuferin Linda Kisabaka und der gerade in den sportlichen Ruhestand verabschiedete ehemalige Dreisprung-Weltmeister Charles Friedek waren vor Jahren noch viel beachtete Ausnahmen. Stabhochspringer Raphael Holzdeppe, die Läufer Marius Broening und Kamghe Gaba, ihre Kolleginnen Yasmin Kwadwo und Jill Richrads sowie der in Eritrea geborene, mit sechs Jahren nach Tübingen gekommene und deshalb astreinschwäbelnde Langstreckler Filmon Ghirmai prägen heute wie selbstverständlich das Bild.
Sie alle sind nicht wegen des Sports nach Deutschland gekommen. Die Aussicht auf ein besseres Leben hat ihre Vorfahren in die Mitte Europas gebracht. Genauso wie Britanniens Doppel-Olympiasieger Mo Farah. Der Europameister über 5000 und 10.000 Meter kam in Mogadischu, Somalia, zur Welt und folgte im Alter von zehn Jahren seinem Vater. Auf dem Community College in Feltham entdeckten die Trainer seine besonderen Fähigkeiten als Langstreckenläufer.
Eingeheiratete Österreicher mit Wurzeln in der Karibik starten in Barcelona und Norweger mit Geburtsort Brazzaville. Doch es gibt auch vermehrt Beispiele, dass sich Länder Sportler "einkaufen", damit die Ehre in der Leichtathletik einlegen. Die Golfstaaten bedienen sich in Kenias unerschöpflichem Läuferreservoir.
Auch Nationen, die ihre Athleten zur EM schicken dürfen, folgen diesem grenzüberschreitenden Trend. Hayle Ibrahimovic etwa, der für Aserbeidschan die Bronzemedaillen im 5000-Meter-Lauf holte, lief einst als Haile Desta Hagos für Äthiopien.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







