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Surfen: Ein Deutscher auf der Traumtour

VON STEFANIE SANDMEIER - zuletzt aktualisiert: 28.10.2009 - 18:15

Peniche/Portugal (RP). Der Gang aus dem Wasser ist Schwerstarbeit. Dann, wenn sie angeschwommen kommen auf ihren Brettern, muss ein Bodyguard ran. Einer, der den Weg frei räumt, der die Fans beiseite schiebt, junge wie alte, solche die Autogramme wünschen, oder eben diejenigen, die sich den Surfern, den Sonnyboys der Meere, hysterisch entgegenwerfen.

Dabei sollte der Wahnsinn des Sommers doch vorbei sein. Leergefegt sind die langen Strände an Portugals Küste. Nur auf einem kurzen Abschnitt ist Party. Zelte sind aufgebaut, Musik dröhnt aus riesigen Boxen, und zu Hunderten sitzen sie dort, schauen auf das Meer – mehrheitlich gutaussehend, mit nacktem Oberkörper oder im Bikini.

So ist das in der Szene. Das Gros des Publikums hat auffallende Tattoos, große Sonnenbrillen, die Frauen tragen Hotpants. Neulinge erkennen sie sofort. Denn die Surfer-Gemeinde ist wie ein fahrender Zirkus. Man kennt sich. Und auf der Suche nach einer guten Welle reisen sie über alle Kontinente. Um das zu verstehen, muss man es erleben.

Beim Rip Curl Search, dem neunten von zehn Wettbewerben auf der ASP World Tour, packen sie sogar täglich ihre Sachen ein und aus, fahren die Küste entlang, verlegen Wettkämpfe – eben immer auf der Suche, so lautet die Idee der Veranstaltung. Wer mitmischen will, braucht gute Wellen. Das hat Marlon Lipke längst begriffen.

Mit dem Ausgang beim Rip Curl hat er aber nichts zu tun. Während seine Kollegen noch den Sieger suchen, quält er sich mit Arztbesuchen oder liegt auf der Couch. Die erste Welle in der zweiten Runde hat ihn ausgebremst. Knieverletzung. Dabei habe er sich gut gefühlt, wie er sagt. "Es wäre mehr drin gewesen." Zumal das Jahr bislang nicht so lief wie erhofft. Lipke hat es verpasst, sich wieder für die ASP Tour, die Formel 1 der Wellenreiter, den Kreis der 45 Besten, zu qualifizieren. Er ist 44. der Rangliste. "Aber ich komme wieder".

Das Gespräch mit dem 25-Jährigen muss zu Hause stattfinden. Er lädt kurzerhand zu sich ein. Doch anders als viele Kollegen ist Marlon pünktlich. Die meisten nehmen es damit nicht so genau. Wie auch – Ewigkeiten treiben sie im Wasser. Da verliert Zeit an Bedeutung. Auch das muss man verstehen.

Für seinen Aufenthalt in Peniche hat Lipke ein Haus gemietet. Abseits vom Rummel, auf den er nicht immer Lust hat. Er spricht sehr leise für einen, der etwas erreicht hat, das man ruhig laut erzählen dürfte. Als erster Deutscher hatte er den Aufstieg in die Liga der Stars geschafft, die sie wegen ihrer Austragungsorte in Hawaii, Tahiti, Australien oder Mexiko auch Traumtour nennen. Auf Fragen antwortet er meist nur mit Ja, Nein, Weiß nicht oder Vielleicht. Was aber nicht heißt, dass er nichts zu sagen hätte.

Dass einer zur Elite zählt, der aus einem Land ohne geeignete Wellen kommt, hat er seinen Eltern zu verdanken. Die sind von Hamburg nach Portugal ausgewandert. Marlon ist in Lissabon geboren, spricht fünf Sprachen, Vater Dago betreibt in Lagos ein Surfcamp. Sein erstes Brett bekam Marlon mit acht, mit 13 Jahren gewann er seinen ersten Jugendwettkampf. Inzwischen war er Europameister und mehrmaliger Deutscher Meister.

Sein Surfer-Dasein würde er gegen nichts eintauschen. Er hat sich an das "wirklich schöne Leben" gewöhnt. Daran, dass es manchmal ausreicht, bloß in den Tag zu leben, auszuschlafen oder rumzuhängen, weil nichts los ist auf der See. Marlon nennt es "abchillen".

Doch wenn die einschlägigen Internet-Seiten gute Wellen voraussagen, ist er nicht zu halten. Dann geht's früh raus. "Aber bitte keine Fragen nach der perfekten Welle", sagt er. "Das ist doch Bullshit. Was ist schon perfekt? Wenn es gelingt, durch einen Wellentunnel zu fahren. Dann ist es, als käme die Zeit zum Stillstand. Eins mit der Natur werden – das ist es, was Surfen ausmacht."

Quelle: RP

 
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