Sprintwunder Verena Sailer: Golden Girl will kein Glamour Girl sein
VON BENJAMIN TONN - zuletzt aktualisiert: 30.07.2010 - 14:56Düsseldorf (RPO). Obwohl das neue deutsche Sprintwunder Verena Sailer am späten Donnerstagabend die Ziellinie eine Nasenspitze vor ihrer französischen Kontrahentin Veronique Mang überquert hatte, stockte den deutschen TV-Zuschauern für einen Moment der Atem: Die französische Zweitplatzierte und ihre drittplatzierte Landsfrau Myriam Soumare führten vor Freude einen Balztanz auf, während Sailer völlig aus der Puste nüchtern blieb. Sailer disqualifiziert? Nein, sie ist so.
Sailer hält nichts von der Extrovertiertheit, die vor allem ihre männlichen Kollegen in der Weltspitze an den Tag legen. Vor den wartenden Journalisten gibt sich die Läuferin des MTG Mannheim stets charmant und freundlich, verschont sie aber mit Schwänken aus ihrem Privatleben. Die großen Gesten und Reden überlässt die gebürtige Allgäuerin anderen.
Geantwortet wird auf der Bahn, so wie am goldenen Abend in Barcelona. Sailer kostet ihren Erfolg für sich aus, begibt sich fast ein wenig schüchtern mit der deutschen Flagge auf die Ehrenrunde. Also kein neues, deutsches Glamour-Girl!
Dabei hatte die 24-Jährige das Gewinner-Szenario in ihren Träumen mehrfach ausgemalt. "Das habe ich gewollt", betont Sailer, "ich freue mich schon so sehr, die Hymne zu hören". Diese wird sie am frühen Freitagabend von der obersten Stufe des Podests zu hören bekommen.
Wach nach Wackler
Dabei wäre ihr Goldtraum beinahe schon im Halbfinallauf geplatzt. Unmittelbar nach dem Start kam Sailer ins Stolpern, fing sich aber noch gerade rechtzeitig. Ein Hallo-Wach-Effekt, wie sie später behauptete: "Das habe ich echt gebraucht, es war für mich wie ein Tritt in den Hintern. Danach war ich da."
Die Höhenluft eines Podests kennt die Sportlerin des Jahres der Stadt Kempten von 2009 bereits von diversen Jugend- und Juniorenveranstaltungen. Von 2003 bis 2005 räumte sie national alles ab. International lief die 1,66-Meter-kleine Sailer erst auf Tuchfühlung zur Spitze, bis sie bei den U23-Europameisterschaften 2005 Bronze und 2007 sogar Gold gewann.
Auch bei den Erwachsenen hat sich Sailer sukzessive gesteigert. Nach diversen nationalen Erfolgen und ihrem tollen Auftritt bei der Heim-WM in Berlin 2009, als sie als beste Weiße und einer Zeit von 11,24 Sekunden im Halbfinale ausschied, hat sie nun mit 11,10 Sekunden trotz 0,6 Meter Gegenwind und dem EM-Titel getoppt. Diese Zeit muss nicht das Ende der Fahnenstange sein.
"Sie kann auch 11,00 laufen", sagt Rüdiger Harksen, Cheftrainer der deutschen Läufer, und traut der aus seiner Sicht "hochtalentierten und im Training sehr belastbaren" kleinen Blonden damit eine Zeit zu, die deutsche Sprinterinnen bis vor 20 Jahren nur im DDR-Trikot liefen. In den Jahren 1978-86 (Marlies Göhr) und 1990 (Katrin Krabbe) war der 100-Meter-Lauf der Frauen für die DDR bei europäischen Titelkämpfen eine sichere Medaillenbank. Mit etwas Rückenwind wäre diese Zeit für Sailer bereits am Donnerstag möglich gewesen.
200 Meter sind ihr zu lang
Sailer selbst glaubt sogar an Erfolge im Vergleich mit den schwarzen Sprintstars: "Ich habe noch nicht das Maximale aus mir herausgeholt. Ich glaube nicht, dass ich weniger Talent habe, nur weil ich weiß bin." Dafür fehlt der Studentin für Sportmanagement, die einst als Weitspringerin begann, der letzte Impuls auf den letzten 30 Metern. Vielleicht ein Grund, weshalb sie sich auf die 100 Meter-Rennen beschränkt. Die 200-Meter seien ihr zu lang, sagt sie.
Am letzten EM-Tag soll es auf ihrer Lieblingsdistanz wie in Berlin dann auch im Team noch einmal mit Edelmetall klappen. Sailer ist wie im vergangenen Jahr als Schlussläuferin eingeplant, sollte sich aber beim Zieleinlauf diesmal besser konzentrieren: Vor lauter Glücksgefühlen kam Sailer hinter der Ziellinie im vergangenen August ins Straucheln und scheuerte sich am Tartan des Olympiastadions ihren Oberschenkel auf – ausgerechnet bei einem ihrer wenigen Gefühlsausbrüche.
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