"Ich bin unschuldig": IAAF bestätigt Positivtest von Kelli White
zuletzt aktualisiert: 30.08.2003 - 16:27Paris (rpo). Der Leichtathletik-Weltverband IAAF das positive Ergebnis der Dopingprobe von Doppelweltmeisterin Kelli White bestätigt. Die Athletin selbst weist die Schuld von sich.
Sie muss nach einer positiven Dopingkontrolle mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zumindest ihren 100-m-Titel von Paris wieder abgeben. Der Weltverband IAAF bestätigte am Samstagnachmittag den Nachweis von Abbauprodukten des Stimulanzmittels Modafinil in dem am vergangenen Sonntag nach dem 100-m-Finale vorgenommenen Test. Das Ergebnis der nach Whites 200-m-Sieg genommenen Urinprobe lag der IAAF bis Samstag noch nicht vor. Die Konsequenzen gegen White wird die IAAF erst nach Abschluss der WM verkünden.
In einer Pressekonferenz am Abend wies Kelli White jeden Verdacht einer bewussten Leistungsmanipulation von sich: "Ich bin unschuldig und habe sehr hart für meinen Erfolg gearbeitet." Sie kündigte an, um ihre über 100 und 200 m gewonnenen WM-Goldmedaillen zu kämpfen. Allerdings gestand die US-Amerikanerin ein, die in ihrem Urin nachgewiesene Substanz seit drei Monaten gelegentlich auf ärztliche Anordnung genommen zu haben, so auch am Tag des 100-m-Finales von Paris "ganz früh am Morgen". Grund für die Rezeptur sei die in ihrer Familie verbreitete Krankheit Narkolepsie (Tagesschläfrigkeit). "Das Mittel war nicht auf der Dopingliste, deshalb hatte ich keine Bedenken", erklärte die Freundin des Saarbrücker Speerwerfers Boris Henry.
Das zur Gruppe der Psychopharmaka zählende Medikament steht zwar noch nicht ausdrücklich auf der Dopingliste und soll erst 2004 darauf erscheinen. Dennoch ließ Dr. Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen Kommission der IAAF, keinen Zweifel daran, dass Modafinil auch nach den aktuellen Regeln zu den verbotenen Substanzen zählt. "Auch in der existierenden Liste muss es als eine verwandte Substanz angesehen werden", erklärte der Schwede: "Die entscheidende Frage ist nur, ob es in die gleiche Klasse wie Amphetamine oder wie Ephedrin gehört."
Zwei Jahre Sperre oder Verwarnung
Von dieser Einschätzung hängt nicht zuletzt die zu erwartende Strafe ab: In ersterem Fall könnte dies eine Sperre von zwei Jahren bedeuten, in letzterem würde White zwar auch der WM-Titel aberkannt, sie käme jedoch mit einer öffentlichen Verwarnung davon. Erst im Wiederholungsfall droht für die Kategorie der leichteren Stimulanzien eine Sperre.
In einer Anhörung durch die IAAF erklärte White am Samstagnachmittag, sie habe das Medikament wegen einer in der Familie kursierenden Krankheit auf ärztliche Anordnung eingenommen. "Dann hätte sie vor der Nutzung eine Ausnahmegenehmigung beantragen müssen", meinte Ljungqvist. Dennoch seien weitere Untersuchungen und Anhörungen nötig, argumentierte der Weltverband in seinem offiziellen Statement. Zu diesem späten Zeitpunkt der Titelkämpfe wolle man White nicht mehr von der WM ausschließen. Wenn es um das Strafmaß gehe, sei auch die Erklärung der Athletin zu berücksichtigen.
In der Medizin wird der "Wachmacher" Modafinil gegen die so genannte Narkolepsie (Tagesschläfrigkeit) eingesetzt. Am Tage überkommt die Patienten der unwiderstehliche Zwang zu schlafen. Nachts dagegen wird der Schlaf von häufigen, teils langen Wachphasen unterbrochen. In Deutschland wurde das Medikament 1998 eingeführt und dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. Es darf nur auf Rezept verordnet werden. In den USA dagegen ist es frei erhältlich.
Vor dem Missbrauch als Partydroge warnte die Deutsche Apotheker Zeitung bereits im September 2002, weil das unter der Bezeichnung "Zombies" von Diskobesuchern in den USA gebräuchliche Aufputschmittel dem Organismus schade. Auf einschlägigen Internetseiten wird Modafinil als "der absolute Renner in Amerika" angepriesen. Ein US-Biotech-Unternehmen erklärt: "Mit dem neuen Wachmacher würden etwa medizinisches Personal, Manager, Fernfahrer, Nachtschwärmer, Piloten und Soldaten bis zu 40 Stunden lang topfit bleiben - hintereinander."
Vor einigen Jahren war Modafinil bereits in der schwarzen Liste geführt worden. Auf Bestreben der französischen Anti-Doping-Agentur CPLD soll es für das Olympiajahr 2004 wieder ausdrücklich verboten werden. Damit lassen sich Parallelen zu den Fällen der deutschen Langstreckler Stephane Franke und Damian Kallabis ziehen. Beide gaben nach den Europameisterschaften 1998 die Anwendung des Blutplasmaexpanders HES zu. Das Mittel jedoch wurde erst ein Jahr später ausdrücklich verboten. Franke (Bronze über 10.000 m) und der von ihm trainierte Kallabis (Gold über 3000 m Hindernis) behielten allerdings ihre Medaillen.
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