Emanuel Steward: Klitschko-Coach im großen Interview
zuletzt aktualisiert: 04.07.2007 - 15:21Köln (RPO). Klitschko, Klitschko, Klitschko - Emanuel Steward ist in seiner Begeisterung für seinen Schwergewichts-Weltmeister Wladimir Klitschko nicht zu bremsen. Doch eigentlich sollte der weltbekannte Box-Trainer nicht über die Revanche zwischen Klitschko und Lamon Brewster, sondern über sein eigenes Leben sprechen.
Über seine Jugend, über sein Kronk Gym in der Motor City Detroit und zum Beispiel über Fighter wie Thomas "Hitman" Hearns. "Ja, es war eine goldene Ära", sagte der in Bottom Creek/West Virginia geborene Steward im Interview.
Wie aufs Stichwort springt der Coach auf und geht ins Schlafzimmer seiner Suite im Hyatt Hotel mit Blick auf den Dom. Sekunden später legt er eine Fotokollage auf den Tisch: "Ich hatte das ganze Zimmer voll davon. Irgendjemand muss das Zeug mitgenommen haben." Kein Wunder, jedem Box-Fan gehen bei einem solchen Sammlerobjekt die Augen über. "Diese Vier zusammen auf einem Foto, das ist ganz selten", erklärt Steward und zeigt auf eine Aufnahme auf dem linken oberen Rand der Kollage.
Das Foto zeigt die wohl größten Boxer der 80er Jahre: Neben Stewards Fighter Hearns strecken die damaligen Box-Könige Sugar Ray Leonard, Marvelous Marvin Hagler und Roberto Duran ihre einst magischen Hände in Richtung Kameralinse, gekleidet in Smokings, freundlich lächelnd. Dabei haben sich die "Fabulous Four" Duelle geliefert, die die Bezeichung Ringschlacht wahrhaftig verdienten.
So verlor Thomas Hearns 1981 das Duell der Champions im Welter gegen Leonard. Der hatte zuvor 1980 gegen Duran verloren und die Revanche gewonnen. Hearns knockte Duran 1984 aus und wurde 1985 im Krieg (The War) von Hagler in drei Runden brutal niedergestreckt.
Emanuel Steward war ein Teil dieser Ära, in seiner Hitliste steht Hearns-Leonard I ganz oben. "Damals gab es noch kein Pay TV. Es war das größte Spektakel bis dato überhaupt. Ich habe zusammen mit der Leonard-Seite diesen Kampf gemacht. Hearns fünf Millionen Dollar Börse, Leonard acht Millionen. Das Training der beiden verfolgten zwischen 2000 und 3000 Fans. Auch Muhammad Ali kam vorbei, um die beiden zu sehen. Das war der Kampf, den die Fans wollten. Und sie wurden nicht enttäuscht", erzählt Steward mit glänzenden Augen.
Es war der vorläufge Höhepunkt im (Berufs-)Leben des zweimaligen Familienvaters, der 1996 in die International Boxing Hall of Fame aufgenommen wurde. Als Emanuel sieben Jahre alt war, lag ein Paar Boxhandschuhe für ihn unter dem Weihnachtsbaum. Fortan bestimmte der Faustkampf sein Leben. Schlüsselerlebnis war ein Straßenkampf gegen einen größeren Jungen aus dem Nachbarort. Als klarer Underdog knallte Steward seinem Rivalen eine Rechte auf die Nase und trieb seinem Gegner die Tränen in die Augen.
Mit dem Umzug nach Detroit begann Steward als Amateur zu boxen, gewann im Bantamgewicht 93 von 96 Kämpfen und 1963 die begehrten Golden Gloves. Zwei Jahre zuvor hatte er bereits als Trainer begonnen. Um seine Mutter Catherine und seinen Vater Manuel, einem Bergmann, sowie seine zwei Schwestern zu unterstützen, arbeitete Steward in allen Branchen: Als Elektriker, Versicherungs-Vertreter oder Verkäufer für Kosmetikartikel.
In den 70er Jahren schließlich begründete der stolze Besitzer eines roten Rolls Royce Corniche das Kronk Gym in Detroit. Boxen ist für Emanuel Steward grundsätzlich simpel ("Ich trainiere einfache Dinge"), sein Credo auch: "Die Fans wollen unterhalten werden und ein Spektakel erleben. Dazu gehören Knockouts." So machte er einst aus dem Box-Stilisten Hearns, der "Motor City Cobra", den "Hitman".
Nach 70 Minuten Unterhaltung, unterbrochen durch Telefonate und einen Besuch seines irischen Nachwuchsmannes Michael Andrew Lee, kommt der Medienprofi und Experte beim US-Pay-TV-Sender HBO wieder auf Klitschko zu sprechen - und auf Deutschland. Steward: "Der Box-Markt in Deutschland hat eine große Kraft. Die Tatsache, dass 13 Millionen Haushalte den Fight von Wladimir Klitschko sehen wollen, ist unglaublich. Das sind auf diesem kleinen Punkt der Weltkugel 30 oder sogar 40 Millionen Menschen."
Das aktuelle Interview im Wortlaut:
Emanuel Steward, Sie werden am Samstag 56 Jahre alt und sind seit drei Jahrzehnten fester Bestandteil der großen Boxbühne. Was muss Boxen aus Ihrer Sicht sein?
Emanuel Steward: "1952 habe ich im Alter von sieben Jahren mit dem Boxen begonnen. Ich habe als Amateur im Bantamgewicht 93 Kämpfe gewonnen und nur drei verloren. Seit 1961 arbeite ich als Trainer und habe 39 Weltmeister trainiert oder gemanaged. Die Fans wollen unterhalten werden und ein Spektakel erleben. Dazu gehören Knockouts. Im Moment sprechen mich die Leute immer wieder auf Wladimir an, dass Sie ihn kämpfen sehen wollen. Und auch ich freue mich auf jeden seiner Kämpfe."
Boxen hat sich in Deutschland etabliert. Wie sieht aus Ihrer Sicht die weitere Zukunft aus?
Steward: "Der Box-Markt in Deutschland hat eine große Kraft. Die Tatsache, dass 13 Millionen Haushalte in Deutschland den Fight von Wladimir Klitschko sehen wollen, ist unglaublich. Wenn man das hochrechnet, sind das auf diesem kleinen Punkt der Weltkugel 30 oder sogar 40 Millionen Menschen."
In den Achtziger Jahren hat Boxen in Deutschland praktisch keine Rolle gespielt. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen für eine solche Entwicklung?
Steward: "Natürlich waren Henry Maske, Axel Schulz, Graciano Rocchigiani oder Dariusz Michalczewski absolute Glücksfälle. Sie haben die Basis für die Wiederbelebung des Profiboxens in Deutschland geschaffen. Das Beeindruckende hier ist, dass Nationalitäten keine Rolle spielen. Es ist einmalig, wie die deutschen Fans Boxer ins Herz schließen, die wie die Klitschkos oder Felix Sturm entweder eine andere Nationalität oder eine andere Herkunft haben. Sturm wurde in Stuttgart von den Fans zum Sieg getragen. Wladimir erzählte mir, dass Deutschland sein Zuhause sei. Und mein Fighter Johnathon Banks sagte, dass er nach Deutschland übersiedeln will."
Das Schwergewicht wird derzeit von Europäern dominiert. Die Weltmeister Wladimir Klitschko, Sultan Ibragimow, Oleg Maskajew und Ruslan Chagajew stammen aus Russland und Nationen, die aus der ehemaligen Sowjetunion hervorgingen. Sie haben Lennox Lewis, einen Briten, jahrelang betreut. Was ist mit den Amerikanern los?
Steward: "Dazu muss ich eine Anekdote erzählen. Als ich mit Graciano Rocchigiani arbeitete und er in den USA trainierte, hat er mich in diesen zwei oder drei Jahren Mitte der Neunziger Jahre zu jedem Amateurturnier begleitet. Damals hat Graciano mir schon gesagt: Emanuel, pass auf. In zehn Jahren werden Osteuropäer das Schwergewicht dominieren. Ich wollte es nicht glauben, aber jetzt sind zehn Jahre vergangen, und er hat Recht. Ich war eine Zeit lang Koordinator für das US-Amateurboxen. Ich habe diese Tätigkeit aufgegeben. Die Kämpfer werden zum Beispiel zu selten auf internationale Turniere geschickt, die Konzeption ist einfach nicht gut genug."
Apropos Graciano Rocchigiani. Wie war die Arbeit mit ihm?
Steward: "Großartig. Er war ein guter Fighter und ist ein pfiffiger Typ. Leider wurde er im ersten Kampf gegen Dariusz Michalczewski betrogen. Aber er hat nie Rachegelüste oder Ähnliches gehegt. Er ist ein großer Sportsmann. Er und Dariusz gehen mittlerweile auch mal ein Bier trinken, habe ich gehört. Graciano hat seine Gegner immer für ihre sportlichen Leistungen respektiert. Das betrifft sowohl Dariusz als auch Henry Maske."
Thomas Hearns war zwar nicht Ihr erster Weltmeister, aber Ihr erster spektakulärer Fighter. Sie haben Kämpfe gegen Sugar Ray Leonard, Roberto Duran oder Marvelous Marvin Hagler hautnah miterlebt. Welches Erlebnis bleibt einem da am meisten in Erinnerung?
Steward: "Ja, es war eine goldene Ära. Ich glaube, der größte Fight war der erste zwischen Hearns und Sugar Ray Leonard 1980. Damals gab es noch kein Pay TV. Es war das größte Spektakel bis dato überhaupt. Ich habe damals zusammen mit der Leonard-Seite diesen Event organisiert. Hearns als ungeschlagener Fighter fünf Millionen Dollar Börse, Leonard acht Millionen. Man kann sich das kaum vorstellen: Das Training der beiden verfolgten zwischen 2000 und 3000 Fans, und auch Muhammad Ali kam immer wieder vorbei, um die beiden zu sehen. Es gab eine Promotion Tour durch die USA. Das war der Kampf, den die Fans wollten. Und sie wurden nicht enttäuscht."
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