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Nach der Pleite am Rothenbaum: Kühnen redet Klartext

zuletzt aktualisiert: 11.05.2005 - 14:26

Hamburg (rpo). Einen Tag nach dem historischen Debakel vom Rothenbaum hat Daviscup-Teamchef Patrick Kühnen Tacheles gesprochen und kein gutes Haar an den deutschen Tennisprofis gelassen.

Nicolas Kiefer ist als letzter Deutscher ausgeschieden. Der Hannoveraner verlor gegen den Franzosen Sebastien Grosjean 2:6, 6:3, 6:4 und machte damit das Debakel für den Deutschen Tennis Bund (DTB) bei der mit 2,08 Milionen Euro dotierten Veranstaltung perfekt. Von den acht gestarteten Deutschen hatten sieben bereits die erste Runde nicht überstanden.

Der 27 Jahre alte Niedersachse zeigte gegen Grosjean im ersten Satz eine sehr konzentrierte Leistung. Ihm unterliefen nur wenige eigene Fehler, mit präzisen Grundschlägen setzte er den 27. der Weltrangliste immer wieder unter Druck. Im zweiten Durchgang allerdings konnte Kiefer dieses Niveau nicht halten und gab den Satz nach insgesamt drei Aufschlagverlusten und vielen leichten Fehlern ab. Im entscheidenden Durchgang zeigte Grosjean die besseren Nerven, Kiefer nutzte auch die pausenlose Anfeuerung der noch etwa 4000 Zuschauer auf dem Centre Court nichts mehr.

"Rein sportlich sind wir zur Zeit nicht besser, so traurig das ist", sagte der Mannheimer, "wenn dann nach dem Ausscheiden Ausreden wie die Kälte, Probleme mit den Schlägern oder zu laute Kinder gesucht werden, kann ich das nicht akzeptieren."

In Nicolas Kiefer hatte nur einer von acht gestarteten Deutschen die erste Runde beim ATP-Turnier der Masterserie in Hamburg überstanden, so ein schlechtes Abschneiden hatte es in er 113-jährigen Geschichte des bedeutendsten deutschen Tennisturniers noch nie gegeben. "Dieses Turnier ist ein Aushängeschild, entsprechend groß ist bei mir die Enttäuschung", sagte Kühnen.

Auch Turnierdirektor Walter Knapper war sauer über das Auftreten der Deutschen. "Wenn ich die Ankündigungen vorher in Interviews lese und dann sehe, wie es umgesetzt wurde, sind das schon erhebliche Differenzen", erklärte der Schwabe. "Jedes Jahr sind die Erwartungen relativ hoch, und die Umsetzung klappt nie." Zuletzt stand 1997 in Tommy Haas ein deutscher Profi in Hamburg im Halbfinale. "Ein deutscher Erfolg wäre hier ein i-Tüpfelchen, aber die Akteure bringen es einfach nicht hin", sagte Knapper, "vielleicht ist ja der Druck zu groß."

Vier Wildcards hatten Knapper, Kühnen und DTB-Sportdirektor Klaus Eberhardt für das Hauptfeld verteilt und damit den Spielern gleichzeitig ein Preisgeld von 6350 Euro praktisch geschenkt. Doch der Gegenwert war gleich Null. Und auch in der Qualifikation scheiterten sechs von sieben Deutschen bereits in der ersten Runde, bis ins Hauptfeld kam keiner durch.

"Jeder hat bei uns alle Möglichkeiten zum sportlichen Erfolg, es gibt gute Trainer und ehemalige Spieler, die bereit sind zu helfen. Die Voraussetzungen sind da", sagt Kühnen, "aber wenn einer damit zufrieden ist, 60. der Weltrangliste zu sein, dann kann ich ihm auch nicht helfen."

Mangelnden Einsatz, mangelnde Einstellung und allgemein zu große Bequemlichkeit hat Kühnen insbesondere bei den deutschen Nachwuchsspielern wie Philipp Kohlschreiber ausgemacht: "Tennis muss man leben. Es reicht nicht, täglich nur zwei Stunden auf den Platz zu gehen. Die Südamerikaner sehe ich hier auch immer noch im Fitnessraum, von uns niemanden."

Kühnen will demnächst ein klärendes Gespräch mit Spielern, Managern und Beratern führen. "Ich werde in Zukunft mehr Einfluss darauf nehmen, wie sich die Spieler präsentieren. Das geht so nicht, das ist schlecht für das Image", meinte der dreimalige Daviscup-Sieger angesichts der weinerlichen Rechtfertigungsversuche von Florian Mayer, Tommy Haas oder Rainer Schüttler.

Allein Sportdirektor Eberhard wollte die Lage nicht ganz so negativ sehen. "Andy Beck hat das Zeug dazu, nach vorne zu kommen, leider ist er zur Zeit verletzt", sagte Eberhard: "Richtig ist aber, dass seit zwei Jahren bei uns der Wurm drin ist. Im Daviscup immer nur Auswärtsspiele und bei unserem Flagschiffturnier in Hamburg präsentiert sich auch keiner richtig erfolgreich."

Quelle: sid

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