Hammerwerferin Keil Fünfte - Nerius im Finale - Herms weiter: Lobinger kann deutsche Pleitenserie nicht stoppen
zuletzt aktualisiert: 28.08.2003 - 20:48Paris (rpo). Auch Gold-Hoffnung Tim Lobinger hat die deutsche Pleitenserie bei den Weltmeisterschaften in Paris nicht stoppen können. 5,80 m reichten weder zum Sieg noch zur Medaille.
Zwei Rivalen und zwei Außenseiter zerstörten Tim Lobingers goldenen Traum. Auch der Mann, der den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) bei Hallen-EM 2002 und Hallen-WM 2003 vor sieglosen Titelkämpfen bewahrt hatte, konnte in einem Stabhochsprung-Finale der sich überschlagenen Ereignisse nicht verhindern, dass der DLV in Paris auf die erste WM ohne Gold seit der Vereinigung zusteuert.
Beim erfolgreichen ersten Sprung über 5,80 m sah Lobinger noch aus wie der kommende Weltmeister. Doch kann schlug die Stunde der beiden großen Mitfavoriten und zweier Nobodies: Nach einem Höhenflug, der kein Ende zu nehmen schien, gewann der Italiener Giuseppe Gibilisco mit der Steigerung um acht Zentimeter auf 5,90 m sensationell Gold, der Südafrikaner Okkert Brits als bester Freund Lobingers in der Stabhochsprung-Szene mit 5,85 m Silber und der Schwede Patrick Kristiansson, Freund von Siebenkampf-Weltmeisterin Carlolina Klüft, mit 5,85 m Bronze. Am Ende verdrängte der australische Titelverteidiger Dmitri Markow (5,85) den Kölner noch auf Rang fünf.
"Ich bin gar nicht so enttäuscht"
"Ich bin gar nicht so enttäuscht. Sicher wäre es schöner gewesen, auf dem Podium zu sein, aber mit 5,80 m habe ich keinen Grund zum Weinen", sagte Lobinger, der selbstkritisch analysierte: "Ich konnte mit dem Niveau der letzten Vier nicht ganz mithalten, aber ich war nah dran."
Lobinger setzte damit die Fehlschläge deutscher Stabhochspringer bei Weltmeisterschaften fort. Seit 1997 gehörten sie stets zum Kreis der Medaillenkandidaten, doch nie gewannen sie Edelmetall. Auch der 30 Jahre alte Kölner lag bei Freiluft-Titelkämpfen bisher immer daneben: Vierter bei der WM 1997 in Athen, Sechster 1999 in Sevilla und Siebter bei Olympia. Nur bei der EM 2002 in München hatte Tim Lobinger hinter dem diesmal in der Qualifikation gescheiterten Leverkusener Lars Börgeling Bronze gewonnen.
"Diesmal war ich besser vorbereitet als in den vergangenen Jahren. Nach einer leichten Verletzung bin ich voll aus der Belastung gegangen und habe zuletzt einen Monat sehr gut trainiert. Wenn ich die Werte der vergangenen Woche umsetzen kann, werde ich entscheidend mitsprechen", hatte Lobinger vor dem Finale gesagt.
Auch Sergej Bubka lag am Ende daneben. "Für mich war Tim zusammen mit Dmitri Markow Favorit. Und Okkert Brits aussichtsreicher Außenseiter", meinte der Weltrekordler, als Council-Mitglied des Weltverbandes IAAF und Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) Augenzeuge beim Titelkampf seiner Nachfolger. Der Sieg von Gibilisco, der schon beim Europacup in Florenz mit Rang zwei überrascht hatte, verblüffte auch ihn.
Für große Worte bekannt
Der Mann mit dem Haarzopf und der Sonnenbrille ist für seine großen Worte bekannt, denen er aber oft eben solche Taten folgen ließ. In diesem Winter wurde er Hallen-Weltmeister, zwei Mal gewann er unter dem Dach den EM-Titel (1998 und 2002). WM-Pech hatte er allerdings schon 1997, als er in Athen Vierter wurde. Auch bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney fehlte das gewisse Etwas - es reichte nur zu Platz sieben. Nachdem er im Juni in Kassel mit 5,86 m seine WM-Medaillenambition anmeldete, musste er gehandicapt durch einen Muskelfaserriss im Oberschenkel drei Wochen pausieren und kam nur langsam in die Höhe.
"Primadonnen Club mit Hosenscheißern"
Lobinger gilt als extrovertierter Paradiesvogel und Vielflieger in seiner Zunft. Manche halten ihn für einen Großkotz, andere bewundern ihn für seinen Mut, unverblümt seine Meinung zu sagen. Für Aufsehen sorgte er vor Paris mit der Kritik an seinen Mitstreitern in der deutschen Nationalmannschaft, die er als "Primadonna-Club aufgefüllt mit Hosenscheißern" bezeichnete und von denen der eine oder andere sich nun Schadenfreude nicht verkneifen wird. Denn Sympathien machte er sich mit diesen Sprüchen nicht, fand in Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler aber eine Befürworterin: "Er ist einfach ein Typ. Ich finde es gut, dass er auch mal einen richtigen Spruch raus haut."
Auf die fünftbeste Weite (69,43 m) flog auch der Hammer von Susanne Keil aus Frankfurt/Main. Die zweite Goldmedaille entführte US-Sprinterin Kelli White aus Paris. Die Freundin des deutschen Speerwerfers Boris Henry ließ der Konkurrenz über 200 m in der Jahresweltbestzeit von 22,05 Sekunden nicht die Spur einer Chance. Silber holte die Russin Anastasia Kapatschinskaja (22,38) vor Torri Edwards (USA/22,47). Das Hammerwerfen der starken Frauen gewann Titelverteidigerin Yipsi Moreno aus Kuba in ausgezeichneten 73,33 m vor Europameisterin Olga Kusenkowa aus Russland (71,71). Das erste Gold für Australien erkämpfte im Schluss-Spurt über 400 m Hürden Jana Pittman (53,22 Sekunden); Heike Meißner aus Chemnitz wurde Siebte (55,60).
Speerwerferin Nerius im Finale
Nur Speerwerferin Steffi Nerius und 800-m-Läufer Rene Herms konnten am sechsten Wettkampftag etwas Hoffnung im DLV-Team verbreiten: Mit 60,40 m im ersten Versuch qualifizierte sich die EM-Zweite aus Leverkusen für das Finale am Samstag. "Mit minimalem Aufwand habe ich die Pflicht erfüllt. Das gibt mir Selbstvertrauen, denn ich weiß, dass ich was drauf habe", sagte die 31-Jährige, die im WM-Jahr schon in elf Wettkämpfen hintereinander unbesiegt ist.
Hürdensprinter Jerome Crews aus Wattenscheid rettete sich über die Zeit ins Halbfinale, das danach auch der Pirnaer Herms erreichte. Die deutsche Weitsprung-Meisterin Bianca Kappler (Rehlingen) überstand dagegen die Qualifikation nicht.
Der Weltverband IAAF hat nach dem Skandal um US-Sprinter Jon Drummond seine Fehlstart-Regel drastisch verschärft. Damit soll in Zukunft verhindert werden, dass sich disqualifizierte Athleten gegen die Entscheidung der Kampfrichter stellen und die Zuschauer mit Showeinlagen auf ihre Seite ziehen. "Dies sind praktische Maßnahmen, die sofort in Kraft treten", erklärte IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai am Donnerstag.
Am Freitag können die Deutschen keine Wiedergutmachung betreiben: In keiner der drei Männer-Entscheidungen Weitsprung, 200 m und 400 m Hürden ist ein DLV-Athlet am Start.
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