Snooker-WM in Sheffield: Magie im Smelztiegel
VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 18.04.2009 - 12:11Mönchengladbach (RPO). Am Samstag beginnt im Crucible Theatre in Sheffield die Snooker-Weltmeisterschaft. Titelvereiteidiger und Favorit ist der Engländer Ronnie O'Sullivan. Seine schnelles, kunstvolles Spiel ist ebenso legendär wie seine Ausraster.
Normalerweise ist im Crucible Theatre in Sheffield William Shakespeare mit seinen Dramen zu Hause. Einmal im Jahr jedoch gibt es ganz andere Geschichten im Zentrum der früheren englischen Stahlstadt. Dann wird der „Schmelztiegel“- so das deutsche Wort für Crucible - zur "Kathedrale des Snookersports".
Samstag beginnt die neueste Auflage der Weltmeisterschaft, die seit 1977 dort ausgespielt wird. Die besten 16 Spieler der Weltrangliste und 16 Qualifikanten spielen um den WM-Pokal und mehr als eine Million Pfund Preisgelder. Das Finale ist am 4. Mai.
Dann wird das Crucible, das nur knapp 1000 Menschen Platz bietet, zum Bersten gefüllt sein. Es ist eine Weltmeisterschaft buchstäblich zum Anfassen. Denn die Zuschauer in den ersten Sitzreihen können den Spielern fast auf die Schulter klopfen.
Das ziemt sich natürlich nicht in einer Sportart wie Snooker, in der viel Wert auf Etikette gelegt wird. D
Preisgeld
Sieger: 250.000,00£ (276.500,00€)
Finalist: 125.000,00£ (138.250,00€)
Halbfinale: 52.000,00£ (57.512,00€)
Viertelfinale: 24.050,00£ (26.599,30€)
Achtelfinale: 16.000,00£ (17.696,00€)
letzte 32: 12.000,00£ (13.272,00€)
letzte 48: 8.200,00£ (9.069,20€)
letzte 64: 4.600,00£ (5.087,60€)
Höchstes Break (Hauptrunden): 10.000,00£ (11.060,00€)
Höchstes Break (Qualifikation): 1.000,00£ (1.106,00€)
Preisgeld gesamt: 1.111.000,00£ (1.228.766,00€)
Maximum Break (Hauptrunden): 147.000,00£ (162.582,00€)
Maximum Break (Qualifikation): 5.000,00£ (5.530,00€)
ie Fliege am Hemdkragen ist ein Muss. 2003 wurde die Bekleidungsvorschrift gelockert, doch nach nur einem Jahr wurde der Halsschmuck wieder verordnet. Auch sonst ist gutes Benehmen am Tisch angesagt.
So weisen Spieler auf eigene Fehler hin, wenn sie vom Schiedsrichter nicht bemerkt wurden. Der Superstar der Snooker-Szene jedoch, Ronnie O'Sullivan, schert sich nicht um Sitte und Anstand.
Er ist so etwas wie ein Dr. Jekyll und Mr. Hyde dieses Sports: Ein unglaublicher Spieler, über den sein Kollege Alan McManus mal sagte: "Ronnie zu beobachten, war wie Gott bei der Arbeit zuzuschauen."
O'Sullivan ist aktuell Anführer der Weltrangliste und hat seit 1992, als er Profi wurde, fast sieben Millionen Pfund an Preisgeldern eingespielt. "The Rocket" nennen sie den 33-Jährigen Engländer.
Denn er spielt schneller als jeder andere. 1997 schaffte er es in 5:20 Minuten, alle vom Tisch verschwinden zu lassen, mit diesem so genannten "Maximum Break", der höchst möglichen Serie beim Snooker, schaffte er es ins Guinness Buch der Weltrekorde.
Im Schnitt versenkte er dabei alle acht Sekunden eine Kugel. O'Sullivan wurde dreimal Weltmeister, zuletzt 2008. Nun will er den Titel verteidigen. Das er es schafft, daran hegt er keine Zweifel. Nur er und sein Konkurrent John Higgins hätten realistische Chancen auf den Titel, sagte er dem "Daily Express". Allerdings hat seit 1996 kein Spieler mehr den Titel verteidigt.
Neben seiner grandiosen Spielkunst hat O'Sullivan aber auch eine andere Seite. Sein Vater, Besitzer mehrerer Pornogeschäfte, sitzt wegen Mordes lebenslang im Gefängnis. Während der WM hat er zwar Hafturlaub, kann aber wegen der Haftauflagen nicht nach Sheffield reisen. Der Junior selbst ist depressiv und Alkoholiker.
"Es wäre eine Lüge, wenn ich behaupte, ich hätte das Problem im Griff", sagte er mal. 1998 wurde ihm der Sieg im Finale der Irish Masters aberkannt, weil er positiv auf Cannabis getestet wurde.
2006 gab er nach einem leichten Fehler im Viertelfinale der britischen Meisterschaft mitten im Spiel auf und verließ mit den Worten "Ich hab genug, Mann" den Saal. 2008 sorgte er bei einer Pressekonferenz während der chinesischen Meisterschaft mit anzüglichen Bemerkungen für einen Eklat, für den er sich später entschuldigte.
O'Sullivan polarisiert
O'Sullivan, der beidhändig spielt, wird geliebt und gehasst, er ist ein Genie, das dem Wahnsinn nahe ist. Er spielt brillante Bälle, doch wenn er eine Kugel verpasst, zeigt er dieser den Mittelfinger oder spuckt auf den Boden. Die Wetter indes glauben an seine Stärke.
Bei "betfair" wird er mit Siegquoten um die 3,7 gehandelt, der siebenmalige Weltmeister Stephen Hendry hat nur eine 50er Quote. 2008 hatte O'Sullivan Hendry im Halbfinale 17:6 demütigend besiegt. Bei einem abermals außergewöhnlichen Stoß hatte der Schotte dem überlegenen Gegner sogar applaudiert.
Deutsche Spieler sind bei der Weltmeisterschaft nicht dabei. Während Snooker in Großbritannien mit sechs Millionen Spielern Volkssport ist (die beste Live-Quote der BBC aller Zeiten ist das Snooker-WM-Finale von 1985 mit 18,5 Millionen Zuschauern), ist diese Variante des Billards hierzulande noch in der Kleinkind-Phase - allerdings mit Entwicklungstendenzen.
Das Interesse an den Snooker-Übertragungen im Fernsehen ist riesig, "konstant 23 Millionen verschiedene Deutsche verfolgen Snooker pro Saison", teilt der Sport-Spartensender Eurosport mit, der auch die Weltmeisterschaft im Crucible Theatre überträgt.
Auch die Zahl der aktiven Snooker-Spieler wächst, wenngleich Snooker nach Pool und Karambol die deutlich kleinste der drei Sparten der deutschen Billard-Union ist. Vor fünf Jahren gab es nur 1000, jetzt sind es 6000. "Und am Donnerstag wurde der erste deutsche U16-Meister in der gekürt. Früher gab es in dieser Altersklasse praktisch keine Spieler" sagt Rolf Kalb.
Der in Hückelhoven geborene Kalb ist Kommentator der Snooker-WM für Eurosport. Er hat auch ein Buch über den Sport geschrieben. "Snooker besteht aus vielen kleinen, mittleren und großen Dramen, die sich am Ende zu einem großartigen Spannungsbogen verdichten", sagt Kalb.
Snooker sei der perfekte Fernseh-Sport, findet er. Eurosport zeigt über 120 Stunden von der WM in Sheffield. Beim Finale 2008 waren in der Spitze fast 900 000 Deutsche live dabei, als O'Sullivan nach 2001 und 2004 zum dritten Mal Weltmeister wurde und sich dabei auch von einem Flitzer, der es sich unter dem Spieltisch bequem machte, nicht vom 18:8-Sieg gegen seinen Landsmann Ali Carter abbringen ließ.
In diesem Jahr will sich das Enfant terrible des Snookers im Crucible Theatre von seiner besten Seite zeigen: keine Ausraster also, sondern exzellentes Billard. "Das Crucible ist ein Ort der Magie", sagt O'Sullivan. Er selbst ist ein Teil davon.
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