Leichtathletik-EM: Sailer holt erstes Sprinter-Gold seit 1990
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 30.07.2010 - 10:25Barcelona (RP). 20 Jahre nach Katrin Krabbes EM-Gold in Split über 100 Meter hat sich Verena Sailer ebenfalls zur Sprint-Europameisterin aufgeschwungen. Die 24-Jährige setzte sich in 11,10 Sekunden durch und fand anschließend kaum Worte für ihre Leistung.
Es waren große Momente für die deutsche Leichtathletik hoch oben über Barcelona. So wie 1992, als binnen weniger Minuten Hochspringerin Heike Henkel und 5000-Meter-Läufer Dieter Baumann olympisches Gold holten. Um 21.47 Uhr huschte Verena Sailer gestern als Erste des 100-Meter-Sprints über die Ziellinie.
Keine drei Minuten später stand der Doppelsieg für den Deutschen Leichtathletik-Verband im Speerwerfen fest: Die Tschechin Barbora Spotakova konnte das deutsche Duo nicht mehr von den ersten beiden Plätzen verdrängen. Linda Stahl, 24 Jahre, Medizinstudentin und wie damals Henkel und Baumann für Bayer Leverkusen startend, holte sich den Titel. Oben auf der Tribüne ballte ihre Vereinskameradin Steffi Nerius die Fäuste. Sie hatte vor einem Jahr ihre Karriere mit dem letzten Wurf als Weltmeisterin beendet.
"Das ist Wahnsinn"
Es war denkbar knapp für Verena Sailer. 11,10 Sekunden brauchte sie für die 100 Meter. Sie rannte so schnell wie noch nie bei regulären Bedingungen und hatte am Ende nur eine Hundertstelsekunde Vorsprung auf die Französin Veronique Mang. "Das ist Wahnsinn, sowas von unglaublich, aber wir haben es geschafft. Ich freue mich schon so sehr, die Hymne zu hören", sagte sie immer noch ganz entgeistert nach der Ehrenrunde.
Im Halbfinale schon hatte die Mannheimerin Sailer als schnellste aller 16 verbliebenen Sprinterinnen ein Zeichen gesetzt. Bei zu starkem Rückenwind lief sie 11,06 Sekunden schnell. Allerhand für eine Sprinterin, die nicht aus der Karibik kommt. Ob man ohne verbotenen Treibstoff so schnell rennen kann? Der Zweifel ist in der Leichtathletik allgegenwärtig. Gerade im Sprint. "Mit den Russinnen, das hat sich jetzt alles wieder relativiert", sagte sie ohne das Wort Doping zu verwenden, "wir haben jetzt wieder etwas mehr Chancengleichheit."
Im Finale sprintete die 24-Jährige von der MTG Mannheim zum ersten deutschen 100-m-Gold seit Katrin Krabbe 1990 – die letzte Sprintmedaille bei einer EM hatte vier Jahre später Melanie Paschke (Wattenscheid) für den DLV geholt - für ihre 11,28 Sekunden gab es in Helsinki einst die Bronzemedaille. Vor vier Jahren in Göteborg hatte die Belgierin Kim Gevaert noch in 11,06 gesiegt. Die gebürtige Allgäuerin hatte ihre Qualitäten schon 2009 als Dritte der Hallen-EM von Turin und bei der Berliner WM unter Beweis gestellt. Dort war die damalige Sportmarketing-Studentin im 100-m-Halbfinale schnellste Europäerin und schnellste Weiße zugleich.
Stahl bleibt cool
Linda Stahl bewies Nervenstärke – so wie Nerius im vergangenen Jahr im Olympiastadion von Berlin. Im fünften Versuch setzte sich die junge Leverkusenerin an die Spitze vor die viel erfahreneren Kolleginnen Obergföll und Spotakova. Mit Lächeln registrierte der wie immer ganz coole Trainer Helge Zöllkau, der auch Nerius zu ihren Erfolgen geführt hatte, die Steigerung der gebürtigen Westfälin. Und in Katharina Molitor als Vierte brachte er noch eine Athletin in die europäische Spitze. Das deutsche Team hat nach einem Gewitter am späten Nachmittag die Trendwende in Barcelona geschafft und gleich einen Dreifach-Triumph – wenn auch in zwei Disziplinen – gefeiert.
DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen musste gestern in seiner Manöverkritik zur Mittagszeit noch die Schönrednerei anfangen, als er einzig im frühen Aus für Hammerwerfer Markus Esser und im achten Platz für Nadine Müller Enttäuschungen eingestehen wollte. Doch was war mit den bestenfalls mittelmäßigen Kugelstoßerinnen? Und was mit Kathrin Klaas, der in der Qualifikation gescheiterten WM-Vierten im Hammerwerfen? Das zum Zeitpunkt von Kurschilgens Manöverkritik im Stabhochspringer Malte Mohr noch ein selbsternannter Goldkandidat die Segel hatte streichen müssen, sagte er mal lieber nicht weiter.
Der Sportchef baut weiter auf Optimismus und Zuversicht. So wie er sie am Montag im Teamtreffen gepredigt hat und wie er sie angeblich allabendlich bei den Trainerkonferenzen zwischen 23 und 23.45 Uhr verspürt. Doch ging es gestern Abend zum ersten Mal ganz beschwingt zu. Und auf der Terrasse des DLV-Clubs mit der herrlichen Sicht über die Millionenstadt am Mittelmeer gab's auch endlich mal richtig was zu feiern. Die ersten drei Medaillen für Deutschland dieser EM.
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