Rocky tritt nach: "Tiger" denkt nach Ringschlacht an Abschied
zuletzt aktualisiert: 19.10.2003 - 14:08Hamburg (rpo). Der historische 49. Sieg blieb ihm verwehrt - Darius Michalczewski verlor den Kampf gegen Julio Gonzales und damit seinen Weltmeistertitel. Jetzt denkt der "Tiger" auch an Abschied.
Manager Klaus-Peter Kohl blickte wie versteinert, als er das Urteil hörte, Freundin Patricia brach in einen Weinkrampf aus, viele der 15.000 Fans in Hamburg pfiffen: Dariusz Michalczewski gratulierte seinem Bezwinger Julio Cesar Gonzalez und stieg nochmal auf die Ringseile, so wie er es in 12 Profijahren immer getan hat.
Regentschaft des Tigers scheint beendet
Doch diesmal sah es nach einem endgültigen Abschied aus. Die Regentschaft des "Tigers" ist beendet, seine Zeit ist abgelaufen, und er wird voraussichtlich nicht in den Ring zurückkehren. "Ich liebe Euch sehr", rief er seinen Fans zu: "Ihr habt mich so viele Jahre unterstützt. Ich habe gewonnen, Ihr habt mit mir gewonnen. Jetzt soll man nicht traurig sein, das ist der Sport."
Mit dem 49. Profikampf wollte Michalczewski für alle Zeiten seinen Platz in den Box-Annalen sichern, den Rekord des legendären Rocky Marciano einstellen, der auch 49-mal unbesiegt geblieben war. Doch der ultimative Triumph einer glanzvollen Karriere blieb dem 35 Jahre alten Deutsch-Polen vor durchschnittlich 7,62 Millionen ZDF-Zuschauern versagt.
Sein sieben Jahre jüngerer Gegner aus Mexiko war zu schnell, zu beweglich, schlug mehr und ließ sich selbst weniger treffen. Mit 2:1 Richterstimmen holte er nach 12 hart umkämpften Runden den WM-Gürtel der WBO im Halbschwergewicht, den Michalczewski seit September 1994 getragen hatte. "Dariusz ist ein wahrer Champion, er hat allen Respekt verdient", sagte der neue Weltmeister: "Es war ein harter und blutiger Kampf, und ich bin froh, dass ich gewonnen habe."
Schon in der 2. Runde öffnete sich nach einem unabsichtlichen Kopfstoß des Mexikaners ein Cut über dem linken Auge des "Tigers". Das Blut lief ihm während des gesamten Gefechts ins Auge. "Ich sehe nichts", sagte er bereits nach der sechsten Runde zu seinem Trainer Fritz Sdunek. Das Distanzgefühl fehlte bei seinen Schlägen. "Der Cut soll keine Ausrede sein", meinte Michalczewski später: "Das gehört beim Boxen dazu. Vielleicht war ich auch einfach zu verkrampft."
Lediglich 236 seiner 350 Schläge fanden das Ziel, Gonzalez traf dagegen 339-mal bei 713 Schlägen. 116:112 werteten die Punktrichter Mike Glienna (USA) und Harry Davis (Kanada), nur Joachim Jacobsen aus Geesthacht bei Hamburg sah Michalczewski 115: 113 in Front.
Rocky: "Für mich hat Gonzales alle Runden gewonnen"
Das brachte Michalczewskis alten Rivalen Graciano Rocchigiani auf die Palme, der Berliner sah wieder seine Verschwörungstheorien über Kampfgerichte bestätigt: "Das ist viel zu knapp. Für mich hat Gonzalez alle Runden gewonnen. Der Biss von Dariusz ist weg, der andere ist 27, er 35. Jetzt ist es eben vorbei. Er sollte jetzt aufhören und versuchen, sich was anderes aufzubauen." Vermutlich wird Michalczewski genau das tun: "Das Leben geht weiter. Ich habe in den letzten Jahren viel Spaß gehabt. Jetzt muss ich eine Pause machen und überlegen, was ich in Zukunft unternehme."
Eine Rückkehr in den Ring sollte er sich nicht mehr antun. Es könnte nur seinem Ruf und der Gesundheit schaden. Die empfindliche Augenpartie verträgt offensichtlich die Belastungen im Ring nicht mehr. Außerdem: Michalczewski hat Millionen im Ring verdient. Er ist dabei, sich in Polen eine Existenz als Geschäftsmann aufzubauen, betreibt Sportbars, vertreibt "Tiger"-Produkte und wird auch als Moderator im TV arbeiten.
Auch mit sozialen Aktivitäten wie der Stiftung für Kinder aus sozial problematischem Umfeld ist er beschäftigt. Nur die Aussicht auf den Rekord und einen Kampf mit US-Superstar Roy Jones trieb ihn in den letzten Jahren noch in den Ring und zur anstrengenden Vorbereitung. "Es wird mit jedem Jahr härter, man wird nicht jünger", sagte er: "Die Reflexe lassen nach, die Kondition."
Michalczewski schien trotz der Niederlage in sich zu ruhen: "Mir tut es vor allem für die Leid, die mir sehr nahestehen. Meine Söhne, Patricia, Klaus-Peter Kohl und den Fans." Seine Karriere kann ihm niemand mehr nehmen, davon ist Michalczewski überzeugt: "Ich bin bereits als Boxer unsterblich und habe alles erreicht, was ich mir mal erträumt habe. Ich muss niemanden mehr etwas beweisen."
1991 wurde er als Amateur-Europameister von Kohl für dessen Universum Boxpromotion verpflichtet. Michalczewskis Erfolge ebneten den Weg des Hamburger Geschäftsmanns zu Europa derzeit wichtigstem Boxpromotor. Jetzt ist ihm eines seiner größten Zugpferde verloren gegangen. "Heute ist sicher einer meiner traurigsten Tage", sagte Kohl: "Dariusz muss alleine entscheiden, was er jetzt tut."
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