Nach Sieg bei den French Open: Traurige Justine auf Wolke sieben
zuletzt aktualisiert: 08.06.2003 - 12:49Paris (rpo). Neun Jahre nach dem Tod ihrer Mutter hat sich Justine Henin-Hardenne bei den French Open ihren größten Traum erfüllt. Mit dem Finalsieg gegen Freundin Kim Clijsters ließ die zierliche Belgierin die Zeit der Krisen und Trauer endgültig hinter sich.
Als sie den größten Sieg ihres Lebens errungen hatte, fühlte sie sich wie im siebten Himmel - und dennoch kehrte sie schnell zur Erde zurück. Sichtlich gerührt stand die zierliche Justine Henin-Hardenne vor all den Menschen auf dem berühmten Court Central in Paris und erzählte, was ihr durch den Kopf ging. "Schon als ich ein kleines Mädchen war, habe ich davon geträumt, einmal auf diesem Platz zu stehen", sagte die 21-jährige Belgierin: "Ich widme diesen Sieg meiner Mutter, die im Paradies über mich wacht. Und ich hoffe, dass du sehr stolz auf mich bist, Mama."
Ganze zehn Jahre war Belgiens erste Grand Slam-Siegerin alt, als sie mit ihrer Mutter Francoise nach Paris kam und sich 1992 das denkwürdige Finale zwischen Monica Seles und Steffi Graf (6:2, 3:6, 10:8) anschaute. Damals versprach sie der Mutter, "eines Tages werde ich auch da unten spielen." Zwei Jahre später aber starb Francoise Henin und der alleine gelassenen Tochter wuchs alles über den Kopf. "Ich dachte, ein Leben ohne sie ist nicht möglich", sagte Henin noch vor zwei Jahren.
Sie überwarf sich mit ihrem Vater Jose, der meinte, von da an ihr Leben alleine bestimmen zu müssen, und zog von zu Hause aus, um ein richtiger Tennisprofi zu werden. Justine fühlte sich lange Zeit traurig, aber irgendwann schien auch wieder die Sonne. Neun Jahre nach dem Tod der Mutter hielt die stolze Tochter, seit November letzten Jahres mit ihrem langjährigen Freund Pierre Yves Hardenne verheiratet, den silbernen Coupe Suzanne Lenglen in ihren Händen und blickte mit seligem Lächeln in den blauen Himmel über Roland Garros.
"Es ist sehr schwer, die richtigen Worte zu finden. Es ist ein sehr bewegender Moment für mich", erzählte sie den 15000 Zuschauern auf dem Court Central: "Ich bin so glücklich, dass ich es gar nicht beschreiben kann. Tennis ist meine Passion, aber es ist nicht alles im Leben. Ich habe schwere Zeiten erlebt, deshalb werde ich diesen Tag nur noch genießen." Ihren Vater erwähnte die Siegerin mit keinem Wort und erklärte mit eisiger Miene auch warum: "Man muss im Leben Entscheidungen treffen, auch wenn sie hart sind."
Kurz zuvor hatte die Weltranglisten-Vierte im ersten rein belgischen Grand Slam-Finale aller Zeiten Geschichte geschrieben. Im Rekordtempo schoss sie ihre belgische Freundin Kim Clijsters am Tag vor deren 20. Geburtstag mit 6:0, 6:4 vom Platz. Kaum hatten König Albert II. und Königin Paola auf der Ehrentribüne Platz genommen, war das Spektakel der zwei Untertanen schon wieder vorbei. Nach nur 67 Minuten blieb der letzte Ball von Kim Clijsters an der Netzkante hängen - und Henin-Hardenne war am Ziel aller Träume.
Der erste Grand Slam-Titel der Karriere nach dem verlorenen Wimbledon-Finale 2001 gegen Venus Williams, der erste große Sieg für ihr kleines Heimatland Belgien (10 Millionen Einwohner) - mit einem Schrei ließ Justin Henin-Hardenne nach dem ersten Matchball den Schläger fallen und eilte nach vorne ans Netz, wo sie Clijsters mit einer herzlichen Umarmung in Empfang nahm.
Die Weltranglisten-2., die schon 2001 im Finale der French Open gegen Jennifer Capriati (USA) verloren hatte, erwies sich als gute Verliererin. "Ich freue mich für Justine. Sie hat es verdient, sie war heute die eindeutig bessere Spielerin", gestand Clijsters und dankte vor allem ihrem Freund Lleyton Hewitt, "dass du so lange hier geblieben bist." Trotz seines frühen Abschieds im Männer-Turnier harrte Australiens Wimbledonsieger bis zum Finale als Zuschauer aus.
Henin-Hardenne war die verdiente Siegerin eines mäßigen Turniers. In einem hochklassigen Halbfinale hatte sie den Siegeszug der "unbesiegbaren" Serena Williams beendet, auf dem Weg zum ersten Grand Slam-Titel schlug sie die Nummern eins und zwei der Welt. Als Dreingabe gab es ein Preisgeld von 760.000 Euro und die Gewissheit, in der neuen Weltrangliste am Montag vor Venus Williams auf Platz drei zu stehen. Justine Henin-Hardenne ist nur 1,67 m groß und wiegt nur 57 kg. "Ich habe gezeigt, dass Power nicht alles ist", sagte die zierliche Belgierin: "Ich bin nicht groß, ich bin nicht schwer, aber man kann auch mit anderen Mitteln gewinnen. Und darauf bin ich sehr stolz."
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