Wimbledon: Vaidisova mischt das Damen-Tennis auf
VON ANDREAS CÜPPERS - zuletzt aktualisiert: 04.07.2006 - 11:23Wimbledon/Düsseldorf (RP). Nick Bollettieri hat viele Talente kommen und gehen sehen. Nicht wenige formte der nicht ganz unumstrittene „Tennis-Guru“ in seiner Akademie in Florida zu Stars. Bei Monica Seles war das so, bei Anna Kournikova zumindest in Ansätzen und bei Maria Sharapova leistete er jüngst noch ganze Arbeit.
Wenn dieser Nick Bollettieri nun sagt, nur wenige seiner Talente hätten ihn derart begeistert wie Nicole Vaidisova, darf man das als großes Kompliment für die Tschechin werten. Grazil wie eine Katze bewege sie sich trotz ihrer 1,83 Meter über die Tennisplätze der Welt.
Und er ist mit seiner Meinung nicht alleine. Venus Williams prophezeit der 17-Jährigen ebenso eine große Zukunft wie Frankreichs Tennis-Ikone Yannick Noah, der in ihr „eine der besten Athletinnen“ sieht, die je auf dem Platz gestanden habe. Keine Frage: In den vergangenen Monaten hat Vaidisova das Damentennis aufgemischt.
Ihr größter Erfolg liegt wenige Wochen zurück, als sie im Halbfinale der French Open in Paris stand und gegen die Russin Svetlana Kusnezova verlor. Bis gestern gehörte sie auch zum Teilnehmerfeld in Wimbledon. Allerdings scheiterte sie im Achtelfinale an der Weltranglisten-Dreißigsten, Na Li aus China mit 4:6, 6:1 und 6:3.
Die Karriere der hübschen Blondine verlief bislang reibungslos. Mit 14 debütierte sie auf der Profi-Tour, am Jahresende standen bereits zwei Turniersiege auf ihrem Konto. Ende vergangenen Jahres blieb sie 18 Spiele in Folge ungeschlagen und gewann nacheinander die Turniere in Seoul, Tokio und Bangkok. Mit 16 Jahren hatte sie bereits fünf Turniersiege verbucht. Ein Kunststück, das davor nur Größen wie Seles, Capriati oder Hingis gelang.
„Ich arbeite hart an mir und versuche, auf dem Platz 110 Prozent zu geben“, erklärt sie. In der Weltrangliste wird die Tschechin, die gerne die Eishockey-Liga NHL verfolgt, als Nummer 13 geführt. In Wimbledon, wo im Vorjahr in der dritten Runde Endstation war, ist sie schon an Position zehn gesetzt. „Es geht im Moment alles sehr schnell“, findet Vaidisova. „Dabei gehe ich einfach in jedes Turnier und nehme mir vor, es zu gewinnen.“
Vaidisova stammt aus einer Tennis-Familie. Mit sechs Jahren bringt sie ihre Mutter Riana zum „weißen Sport“. Ihr Onkel Daniel Vacek war in den 90ern einer der besten Doppel-Spieler der Welt. Bis heute wird sie von ihrem Stiefvater Ales Kodat trainiert. Für den Feinschliff sorgte eben Bollettieri. „Er hat sich immer bemüht, die idealen Trainingsbedingungen zu schaffen“, schwärmt Vaidisova. Typisch für die Ausbildung bei Bollettieri: Vaidisova spielt die Rückhand beidhändig, kann aber mit ihrer Schlagkraft - ihre größte Waffe ist der Aufschlag - und Athletik auf allen Belägen bestehen. „Was mir noch fehlt, ist die Erfahrung“, meint sie.
Ihr rasanter Aufstieg dürfte beim Deutschen Tennis-Bund (DTB) mit einem weinenden Auge verfolgt werden. Vaidisova wurde in Nürnberg geboren, spricht neben Englisch, Tschechisch und bald auch Französisch fließend Deutsch, nennt Steffi Graf als einziges Vorbild und lebte bis zu ihrem sechsten Lebensjahr in Deutschland. „Damals habe ich aber noch nicht richtig Tennis gespielt“, erzählt sie. Insofern kam für sie auch nie in Frage, für Deutschland zu spielen. Sie hätte ansonsten die mauen Vorstellungen im deutschen Damen-Tennis vergessen machen können. Davon wäre sicher nicht nur Nick Bolletierri überzeugt.
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