Dopingskandal im Reitsport: Werth: "Der schlimmste Tag meines Lebens"
zuletzt aktualisiert: 25.06.2009 - 14:47Rheinberg (RPO). Auf dem Außengelände des modernen Reiterhofes in Rheinberg herrscht gespenstische Stille. Das einstige Goldpferd Gigolo grast friedlich auf der Weide, derweil durchlebt Isabell Werth hinter verschlossenen Türen ihren ganz persönlichen Albtraum.
"Das ist der schlimmste Tag in meinem Leben. Alles, was ich mir in 20 Jahren im Sport und rund um den Sport aufgebaut habe, droht zu kippen", sagt die fünfmalige Dressur-Olympiasiegerin im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID): "Das ist der Wahnsinn."
Der positive Befund in der A-Probe ihres Nachwuchspferdes Whisper am 30. Mai beim Pfingstturnier in Wiesbaden droht das sportliche Lebenswerk der 39-Jährigen zu zerstören. Erste Konsequenz: Sofortige Suspendierung durch den Weltverband FEI. "Ich habe geglaubt, alles richtig gemacht zu haben, und bin reinen Gewissens nach Wiesbaden gefahren. Doch der Riesenfehler ist passiert. Ich mache mir große Vorwürfe", sagt Werth.
Gefunden wurde die verbotene Substanz Fluphenazin, die durch das nur in der Humanmedizin verwendete Medikament Modecate in den Körper des Wallachs gelangt war. "Ich werde jetzt in eine bestimmte Ecke gerückt, in die ich nicht gehöre. Ich wollte keine Leistung manipulieren, es ging hier nicht um fitspritzen oder sowas", sagt Werth und erklärt: "Whisper leidet an der Zitterkrankheit. Ich habe es gut gemeint, ich wollte ihm den Alltag erleichtern. Ich reite 35 Turniere im Jahr, ich gehe doch nicht bei einer so kleinen Prüfung ein solches Risiko ein."
Bei der Zitterkrankheit haben Pferde Gleichgewichtsstörungen, wenn sie beim Beschlagen oder Putzen längere Zeit auf drei Beinen stehen. Die Krankheit bewirkt wegen der unkontrollierten Ausfallschritte eine Verletzungsgefahr für Schmied, Pfleger oder Reiter.
Fluphenazin hätte eigentlich in Wiesbaden nicht mehr nachweisbar sein dürfen. Am 16. Mai wurde das Pferd mit dem Medikament einmalig mit Erfolg behandelt. Werths Tierarzt Hans Stihl habe die Absetzdauer mit sechs Tagen angegeben, war sich aber nicht ganz sicher. Deshalb ritt Werth erst am 30. Mai wieder mit dem Pferd.
Ihrem Tierarzt will Werth die Schuld nicht in die Schuhe schieben. "Ich arbeite seit Jahren mit ihm zusammen. Er ist ein hervorragender Tierarzt, aber auch nur ein Mensch. Ich werde ihn jedenfalls nicht an die Wand nageln", sagt sie: "Am Ende eines Tages bin ich allein verantwortlich."
Dieser Verantwortung musste sich Werth am Donnerstag stellen. Bei einer Anhörung durch die FEI wollte sie die Vorgänge schonungslos offenlegen. Große Hoffnungen aber machte sie sich im Vorfeld nicht: "Ich glaube nicht, dass die Suspendierung aufgehoben wird. Ich kann nicht mehr tun, als die Fakten darzulegen und zu hoffen, dass die Gesamtumstände berücksichtigt werden."
Beim CHIO in Aachen in der kommenden Woche wird die Reiterin wohl nicht starten. Werth droht bei einer Verurteilung wegen Dopings eine Sperre von zwei Jahren. Dieser Gedanke schnürt ihr regelrecht den Hals zu. "Ich darf gar nicht daran denken", sagt sie mit tränenerstickter Stimme. Ein Leben ohne Reiten ist für sie "unvorstellbar" - so wie es der positive Befund vorher auch war.
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