Davis Cup / Interview mit Teamchef Kühnen: „Wir nehmen die Favoritenrolle an“
VON GIANNI COSTA UND DIETER KODITEK - zuletzt aktualisiert: 21.09.2006 - 18:11Düsseldorf (RP). Patrik Kühnen, Teamchef der deutschen Davis-Cup-Mannschaft äußert sich im RP-Interview über die Partie gegen Thailand im Düsseldorfer Rochusclub und Nachwuchstalente im deutschen Tennis.
Herr Kühnen, das deutsche Davis- Cup-Team kämpft ab morgen mal wieder um den Klassenerhalt in der Weltgruppe. Favorit oder Außenseiter gegen Thailand?
Kühnen (lächelt): Die Favoritenrolle nehmen wir schon an. Trotzdem macht bei uns keiner den Fehler und unterschätzt den Gegner. Die Thailänder sind mit dem klaren Ziel nach Düsseldorf gereist, uns ein Beinchen zu stellen. Deshalb haben wir uns intensiv auf die Partie vorbereitet. Diese Begegnung ist die Basis für unsere Zukunft.
Inwieweit glauben Sie, dass die thailändischen Spieler von den aktuellen Entwicklungen in ihrem Heimatland beeinträchtig sind?
Kühnen: Ich hoffe, gar nicht. Das sind wirklich unschöne Dinge, die haben mit Sport nichts zu tun. Ich habe mich mit ihrem Spitzenspieler Paradorn Srichaphan kurz getroffen und mit ihm über die Situation geredet. Er hat sofort abgewunken und gesagt, dass alles okay sei.
Dem deutschen Sport gehen allmählich die Helden aus. Michael Schumacher beendet seine Karrierre, Jan Ulrich versinkt im Doping-Sumpf. Ist das nicht die Chance, Tennis wieder mehr nach vorn zu bringen?
Kühnen: Das kommt ganz allein auf den Erfolg an. Die Chancen waren immer schon da. Doch da müssen viele Dinge zusammen kommen. Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, jedes Jahr einen neuen Boris Becker oder eine Steffi Graf zu entdecken. Ich sehe aber gar nicht so schwarz fürs deutsche Tennis. Wir haben Top-Spieler wie Nicolas Kiefer. Wenn der, wie jetzt gerade, verletzt ist, dann hält uns Tommy Haas wieder im Gespräch.
Apropos Nicolas Kiefer. Wird er trotz Handverletzung seine Teamkollegen im Rochusclub von der Tribüne aus unterstützen?
Kühnen: Daraus wird wohl nichts. Kiwi hat sich erkältet und will niemanden anstecken. Er erlebt derzeit keine leichte Phase. An der Handverletzung laboriert er schon seit den French Open Ende Mai. Das ist eine verdammt lange Zeit. Wir hoffen natürlich alle, dass er bald wieder auf den Platz zurückkehrt.
Tommy Haas und Nicolas Kiefer sind 28 und 29 Jahre alt. In absehbarer Zeit werden sie von der Tennis-Bühne abtreten. Sehen Sie schon Talente, die nachrücken könnten?
Kühnen: Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber zum Beispiel. Die sind beide gerade erst 22 und haben sehr, sehr positive Entwicklungen. Sie haben die Möglichkeit, sich weiter nach vorn zu spielen. Natürlich habe ich die Hoffnung, dass sie einmal eine Führungsrolle im deutschen Tennis übernehmen. Aber mit Verlaub, ich glaube, dass die Zeit von Tommy Haas noch etwas länger dauern wird. Und auch Kiwi geht hoffentlich so bald noch nicht in Rente. Wie gesagt, aber auch dahinter ist Bewegung reingekommen. Benjamin Becker hat bei den US Open für Furore gesorgt, Björn Phau darf man auch nicht vergessen.
Trotzdem hat es den Anschein, als ob ein bis zwei Generationen durch mangelnde Nachwuchsarbeit verloren gegangen sind.
Kühnen: Das Argument mit der mangelnden Nachwuchsarbeit ist mir zu einfach. Sehen Sie, es gibt viele Beispiele, da hat der Verband viel für die Entwicklung von Spielern getan. Für Daniel Elsner wurde ich extra acht Monate abgestellt, um ihn zu betreuen. Dass er nicht den Sprung nach oben geschafft hat, lag auch an seinen persönlichen Zielsetzungen. Da bist du dann als Förderer machtlos.
Bei Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber stimmen die Zielsetzungen?
Kühnen: Man hat niemals eine Garantie, dass ein Spieler den Sprung unter die Top-Ten der Weltrangliste schafft. Ich hoffe, dass sie leistungsmäßig explodieren und sich in der Weltrangliste nach vorne arbeiten.
Die Zuschauer erleben Sie als Davis-Cup-Kapitän meist in der Rolle des netten Herrn, der den Spielern das Handtuch reicht und ansonsten auf der Bank sitzt. Ihre Chance zur Aufklärung - wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag von Ihnen aus?
Kühnen: Der beginnt ziemlich früh und endet ziemlich spät. Ich kümmere mich um das ganze Drumherum. Es gibt da wirklich einiges zu organisieren. Training, Teamsitzungen, Sponsorentermine und vieles mehr. Und nebenbei noch Öffentlichkeitsarbeit - wie zum Beispiel das Gespräch gerade mit Ihnen. Also ich sitze wirklich nicht nur auf der Bank.
Warum haben Sie sich für Düsseldorf als Austragungsort dieser Davis-Cup-Partie entschieden?
Kühnen: Düsseldorf ist für uns ein gutes Pflaster. Die Spieler fühlen sich hier wirklich sehr wohl. Die Bedingungen rundherum stimmen einfach. Im Rochusclub haben wir zudem 2005 die Team-WM gewonnen, dieses Jahr sind wir immerhin Zweiter geworden. Das hat uns einen guten Schub gebracht. Außerdem wollte ich unbedingt auf Sand gegen Thailand antreten. Wir haben bewiesen, dass wir auf diesem Belag stark sind. Hinzu kommt, dass Srichaphan auf Sand so seine Probleme hat. In diesem Jahr hat er bei fünf Sandplatz-Turnieren noch kein Match gewonnen.
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