Dieter Baumann als Kabarettist: "Zahnpasta-Män" macht Theater
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 13.05.2009 - 08:25Kassel (RP). Dieter Baumann, 5000-Meter-Olympiasieger von 1992, tingelt als Kabarettist durchs Land. Der Schwabe gefällt mit Selbstironie und mit komödiantischem Talent, das ihn früher schon in Trainingslagern auszeichnete.
Die Stimmen von Gerd Rubenbauer und Dieter Adler, den ehemaligen Leichtathletik-Reportern der ARD, überschlagen sich. Das olympische 5000-Meter-Rennen in Barcelona 1992. Schlussrunde. Dieter Baumann gegen fünf Afrikaner. "Die Lücke ist da", schreit "Rubi". Baumann läuft hindurch. Zum Ton der Fernsehreportage seines größten Erfolgs springt Dieter Baumann aufs Podium im "Starclub" in Kassel. Schwarzer Anzug, senfgelbes Hemd und papageienbunte Turnschuhe statt Wettkampfdress und Spikes.
Baumann, der als Athlet die Zuneigung der Zuschauer besonders genoss, hat eine neue Bühne gefunden. Der Schwabe, 44 Jahre alt, tingelt mit "Körner, Currywurst und Kenia", seinem zweistündigen Kabarettprogramm, durchs Land. Hamburg, Kassel, Saulgau, Stuttgart, Waldsee. Die Tour führt ihn dahin, wo gerade Laufveranstaltungen stattfinden. Dort findet er sein Publikum. Mitte 40 sind die Zuschauer im Schnitt, Turnschuhträger der unteren Gewichtsklasse. 15 Euro Eintritt haben sie bezahlt. Alle 150 Plätze im Saal sind besetzt.
Nasenpflaster und Stützstrumpf
Baumann spielt mit den Absonderlichkeiten der Läuferszene, für die er eine Art Guru ist. Mimik und Gestik beherrscht er und die Kunst der Zuspitzung, wenn er mit meterlangen Trainingsplänen hantiert, Hochrechnungen über das Lebensalter von verheirateten, abstinenten Dreimal-die-Woche-Läufern mit Hochschulreife anstellt oder sich über Nasenpflaster und Stützstrümpfe lustig macht. Schon zu seiner aktiven Zeit galt er als großer Unterhaltungskünstler in Trainingslagern zwischen St. Moritz und Arizona. Er imitiert Eurosport-Reporter ("Hinten ist die Ente fett"), wechselt zwischen Schwäbisch ("der letschte Schliff") und hartem Englisch mit dem Akzent der ostafrikanischen Hochebene. Ludwig Uhland, seinen schwäbischen Landsmann, rezitiert er.
Der einstige König der Tartanbahn veredelt seine Bekanntheit. Er berät Versicherungen, er joggt mit Strafgefangenen, schreibt Zeitungskolumnen, sein Buch "Laufende Gedanken" ist gerade erschienen, "Tages- und Intensivseminare" hat er als Motivationstrainer im Angebot. Und mit einem Ausrüster, den er auch während seiner Kasseler Show gern ins Bild rückt, verbindet ihn immer noch eine geschäftliche Beziehung.
Selbst aus den dunklen Kapiteln seiner Laufbahn schlägt er mit viel Selbstironie Kapital. Etwa wenn er aus seinem Wohnort Tübingen berichtet. "Da wohnt der ,Zahnpasta-Män'", erzählte dem nach einem positiven Dopingbefund in den 90er Jahren gesperrten Baumann mal ein Taxifahrer, der ihn nicht erkannt hatte. In der Zahncreme war 1999 ein Wirkstoff, der zu einem positiven Dopingtest führte. Seinen einzigen Marathon, den er bei Kilometer 32 in Hamburg abbrach, interpretiert er als Start der Laufbahn als Motivationstrainer: "Selten war die Ausfallquote bei einem Marathon so hoch. Denn alle wollten ja besser sein als der Baumann."
Baumann schlägt die Brücke zwischen der Hatz auf olympischen Pisten, die er zweimal mit Medaillen abschloss, und den Nöten von Ottonormal-Jogger. Den kleinsten gemeinsamen Nenner findet er im "Zischbier" nach einem "richtig harten, aber wirklich richtig harten Training". Seine Reisen waren auch immer Erkundungstouren durch die Brauwelt. "Ich bin schließlich auf dem Fußballplatz sozialisiert worden", betont er. Sein Tipp: das portugiesische "Superbock" in der Ein-Liter-Flasche.
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