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Box-Champ Walujew schlägt Holyfield: Das Skandal-Urteil von Zürich

VON KOMMENTAR VON TIM RÖHN - zuletzt aktualisiert: 21.12.2008 - 09:57

Zürich (RPO). Tommy Brooks hatte eigentlich Recht mit seinem Kurzvortrag in der Pause nach der zehnten Runde. Der Trainer von Evander Holyfield machte seinem Schützling klar, dass er jetzt nur noch schnell auf den Beinen bleiben und den Schlägen seines Gegners Nikolai Walujew ausweichen muss. Dann habe er den Sieg in der Tasche.

Nur sechs Minuten schienen also zu fehlen zur Erfüllung des großen Traums des 46-jährigen US-Amerikaners, der im Vorfeld für sein Comeback mit Häme nur so überschüttet worden war. 360 Sekunden bis zum fünften WM-Titel. Nikolai Walujew, der 2,13 Meter große "russische Riese" aus St. Petersburg, der elf Jahre Jüngere, der absolute Favorit, er hatte seinen WBA-Gürtel gedanklich womöglich schon abgeschrieben.

Und auch in den letzten beiden Runden konnte Walujew das Ruder nicht mehr rumreißen, ein paar Jabs, zwei überstürzte Angriffe - das war's auch schon. Holyfield riss die Deckung in den richtigen Momenten hoch und ging seinem Kontrahenten aus dem Weg.

Als der Schlussgong ertönte, hätte es eigentlich nur noch ein paar Minuten dauern dürfen, ehe Holyfield zum ältesten Weltmeister aller Zeiten (George Foreman war bei seinem letzten Titelgewinn 45) gekürt wird. Aber es kam alles ganz anders, die Punktrichter machten einen Strich durch die Rechnungen des Holyfield-Clans und der 13.000 Fans im Züricher Hallenstadion.

Holyfield nur "Weltmeister der Herzen"

Guillermo Perez wertete den Kampf 114:114, Pierlugi Perez (116:112) und Mikael Hook (115:114) sahen gar Walujew vorne - ein unglaubliches Urteil! Das Publikum pfiff den Russen gnadenlos aus, die Experten schüttelten ungläubig den Kopf. Das amerikanische Box-Magazin "BoxingScene" sprach von "einer der schlimmsten Entscheidungen im Schwergewicht aller Zeiten".

Von Beginn an war die Taktik des Herausforderers aufgegangen. Holyfield, voll austrainiert, top-fit und alles andere als ein müder Box-Renter, tänzelte in einem Kampf auf mäßigem Niveau geschickt um seinen 25 Zentimeter größeren und 44 Kilogramm schwereren Gegner herum und schaffte es immer wieder in den In-Fight, wo er dann mit der Rechten Walujews Kopf traf. Der behäbige Russe derweil kam mit Holyfields Taktik überhaupt nicht zurecht, fast alle Schläge landeten im Nichts.

Die Symphatien auf den Rängen waren schnell klar verteilt. "Holyfield, Holyfield", hallte es durch die Arena. Früh war klar, dass an diesem Abend Geschichte geschrieben werden könnte.

Erst ab der siebten Runde wurde Walujew etwas mutiger und profitierte davon, dass bei Holyfield die Kräfte nachließen. Drei, vier Runden mag der Russe in dieser Phase gewonnen haben, mehr keinesfalls.

Selbst sein Trainer Alexander Simin war nie zufrieden: "Schlaf nicht ein!", brüllte er seinen Schützling ein ums andere Mal an und musste damit rechnen, dass Walujew im 50. Profi-Kampf zum zweiten Mal als Verlierer nach Hause fahren muss.

Es kam anders, das Trio Perez/Perez/Hook zog die weihnachtliche Bescherung für den Russen kurzerhand um vier Tage vor. Dem großen Evander Holyfield bleibt derweil als Trostpreis immerhin dieser Titel: Weltmeister der Herzen.


Ergebnisse:

Boxen, Internationale Profi-Veranstaltung in Zürich:

WBA-Weltmeisterschaft im Schwergewicht (12 Runden): Nikolai Walujew (Russland/TV) Punktsieger (114:114, 116:112, 115:114) - Evander Holyfield (USA)

Supermittelgewicht (10 Rdn.): Mads Larsen (Dänemark) T.K.o. -Sieger (7. Rd.) - Roberto Cocco (Italien)

EU-Meisterschaft im Schwergewicht (12 Rdn.): Francesco Pianeta (Gelsenkirchen) 3:0-Punktsieger - Johann Duhaupas (Frankreich)

Schwergewicht (8 Rdn.): Oleg Platow (Ukraine) 3:0-Punktsieger - Jason Gavern (USA)

Cruisergewicht (8 Rdn.): Jimmy Kapanow (Russland) 3: 0-Punktsieger - Paolo Ferrara (Italien)

Schwergewicht (8 Rdn.): Lyle McDowell K.o.-Sieger (1. Rd.) - Bermane Stivane (Kanada)

Frauen, WIBF-Weltmeisterschaft im Fliegengewicht (10 Rdn.): Eileen Olszewski (USA/TV) Unentschieden (96:95, 96:96, 92:98) - Nadia Raoui (Herne)


 
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