Box-WM im Schwergewicht: David schlägt Goliath
VON GIANNI COSTA - zuletzt aktualisiert: 09.11.2009 - 07:43Nürnberg (RP). Der Brite David Haye (1,91 m) ist neuer Weltmeister im Schwergewicht der World Boxing Association (WBA). Er besiegt in Nürnberg den russischen Box-Riesen Nicolai Valuev (2,13 m) deutlich nach Punkten.
Es ist spät in dieser Nacht, als Nikolai Valuev in die Lobby des Hotels "Maritim" direkt am Nürnberger Hauptbahnhof tritt. Er sieht müde aus, aber auch irgendwie erleichtert, dass nun alles vorbei ist. Auf seine Ankunft haben viele seiner Anhänger gewartet. Sie strömen aus der Hotelbar vor den Lift und zollen ihm trotz der Niederlage großen Respekt. "So ist Sport", sagt Valuev und blickt dabei ziemlich bedröppelt drein. "Es geht weiter. Ich werde in den Ring zurückkehren." Die Fahrstuhltür schließt sich. Ende eines Arbeitstages.
In der Nürnberger Arena geht zunächst alles so weiter wie in den vergangenen Wochen. David Haye, der Herausforderer aus der englischen Hauptstadt London, provoziert und weigert sich zunächst, aus seiner Kabine zu kommen. Erst mit einer Viertelstunde Verspätung fühlt er sich ausreichend vorbereitet. Er hatte Valuev im Vorfeld des Kampfes wegen dessen Aussehen als Zirkus-Freak verhöhnt und seine Flüche mit allerlei Schimpfwörtern und obszönen Gesten garniert. Ein echtes Großmaul, das sich immerhin der Unterstützung von rund 3000 mitgereisten Anhängern im Frankenland gewiss sein konnte.
Im Ring selbst war es eine ziemlich eindeutige Angelegenheit, und das ohne große Mätzchen. Haye schlug zu, tauchte danach ebenso flink wieder ab und ließ Valuev ratlos zurück. Der Russe, haben Statistiker später herausgefunden, traf nur bei jedem vierten Schlag das Ziel, der Rest waren Luftlöcher. In der zwölften Runde geriet er nach einer Linken von Haye an sein Kinn ins Taumeln. Dem boxerisch ohnehin stark limitierten Valuev fehlten schlichtweg der Mumm und das Kämpferherz. Ein Koloss ganz klein.
Promoter Wilfried Sauerland fasste den Auftritt seines Schützlings ein wenig ratlos so zusammen: "Niko hat es nicht geschafft, sein Gewicht ins Spiel zu bringen. Er hat zu wenig geschlagen. Haye war zu schnell für ihn. Das ist nun die Quittung." Um 23.52 Uhr folgt die Bestätigung durch die Kampfrichter. Einer wertet das Duell unentschieden, die beiden anderen urteilen Punktsieg (116:112) – für Haye. Es war die zweite Niederlage des 36-jährigen Valuev in 53 Kämpfen.
England hat sechs Jahre nach dem Rücktritt von Lennox Lewis wieder einen Weltmeister in der Königsklasse des Boxens. Praktischerweise ist Lewis der Mentor von Haye und hat ihm viele Tipps mit auf den Weg gegeben. Haye, seit 2002 Profi, schickte in 24 Kämpfen seine Kontrahenten 21 Mal vorzeitig auf die Bretter. Einmal, 2004 gegen Ex-Weltmeister Carl Thompson, verlor er durch Technischen K.o.. Erfahrung sammelte er vorwiegend im Cruisergewicht, eine Gewichtsklasse unterhalb des Schwergewichts. "Heute ist mein Traum wahr geworden", sagt er. "Ich habe den Größten besiegt."
Es war das Duell David (Haye: 1,91 m / 98,4 kg) gegen Goliath (Valuev: 2,13 / 143,3) – und so wurde es auch in England gewinnbringend vermarktet. Der "Hayemaker" gegen den "Russischen Giganten". Gut gegen Böse – zumindest je nach Sichtweise. Im Pay-TV wurde der Kampf für umgerechnet 15,50 Euro übertragen, Haye (29) verdiente an den Einnahmen kräftig mit. Die erschienen ihm offensichtlich bei den beiden zuvor geplanten Duellen mit den Klitschko-Brüdern Wladimir und Vitali als nicht groß genug – auch sportlich wäre das Risiko für ihn dabei deutlich größer gewesen. Er ließ sie deshalb kurzfristig platzen und suchte nach neuen Vermarktungsmöglichkeiten. Der Kampf gegen Valuev hat sich für ihn auf jeden Fall bezahlt gemacht.
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