WM-Fight gegen Johnson: Klitschko bleibt cool im Getöse
VON HARTMUT SCHERZER - zuletzt aktualisiert: 12.12.2009 - 10:15Bern (RP). Kevin Johnson reiht sich ein in die Gegner des Schwergewichts-Champions, die vor dem Fight gegen den Ukrainer mit starken Worten auffallen. Heute in Bern aber ist der US-Boy nur krasser Außenseiter.
Wer keinen großen Namen hat, muss wenigstens ein großes Maul haben. Kevin Johnson, der ausgewählt wurde, heute (ca. 23 Uhr) in der Berner Eishockey-Arena gegen Vitali Klitschko (Ukraine) um die WM im Schwergewicht nach Version des WBC kämpfen zu dürfen, prahlt: "Vitali ist ein Witz. Er ist ein Traumgegner. Er ist ein großer, hässlicher Zombie. Er kann nicht die Hälfte von dem, was ich kann, weder körperlich noch geistig."
Solche Beleidigungen gehören zum Ballyhoo wie die Handschuhe zum Boxen und sind in der Börse inbegriffen für einen kaum bekannten Typen. So ein WM-Kampf in Europa ist für einen US-Amerikaner, Nummer fünf der WBC-Rangliste, immer noch wie ein Lottogewinn, auch wenn er weit unter einer Million Dollar liegt. Johnson ist in 23 Kämpfen unbesiegt, aber was bedeutet das schon?
Jedenfalls wird der Mann aus dem Ghetto und dem Gefängnis (18 Monate nach einer Schlägerei) in den Ranglisten des Branchendienstes "BoxRec.com" für die USA an achter, für die Welt an 26. Stelle geführt. Johnsons größter Triumph steht in keiner Rekordliste: Der siegreiche Kampf gegen die Behörden um das Sorgerecht seiner heute zehnjährigen Tochter Fatimah als alleinerziehender Vater.
Nach der Entlassung 2002 war seine Frau, die während seiner Haftstrafe in einen Verkehrsunfall verwickelt war, nach Monaten im Koma gestorben. Dieses Schicksal und das Ziel, nach seiner Profikarriere einen Pflegeberuf zu erlernen und in einem Krankenhaus zu arbeiten, verraten den guten Kern in der rauen Schale.
Den WM-Fight verdankt Johnson der Schulteroperation Wladimir Klitschkos, der heute seine IBF/WBO-Titel pflichtgemäß gegen den offiziellen Herausforderer und besten Amerikaner Eddie Chambers verteidigen sollte. Um den RTL-Termin nicht platzen zu lassen, sprang der große Bruder ein. Vitali und Wladimir sind mit ihren Firmen "K2 Promotions" und "Klitschko Management Group" (KMG) schließlich ihre eigenen Herren.
Vier Kampftermine in zwölf Monaten pflegen RTL-Sportchef Manfred Loppe und KMG-Geschäftsführer Bernd Bönte langfristig im Jahr davor festzulegen. Zwei für jeden der Brüder, wobei möglichst drei Kämpfe zur besten Sendezeit aus Europa und nur einer zur europäischen Schlafenszeit aus den USA übertragen werden sollen. Anfang Oktober entschieden Vitali Klitschko und sein langjähriger Trainer Fritz Sdunek, bereits zum dritten Mal in diesem Jahr zu boxen. "Der beste Vitali", so das Urteil Sduneks, hatte erst am 26.September Cris Arreola (USA) verprügelt.
Das Getöse seiner Gegner ist Klitschko gewohnt. Es gehört zum Geschäft, dass ihm die Herausforderer mit ihrem Geschrei die Ohren zudröhnen. Für die TV-Quote wirbt der Champion auf ganzseitigen Anzeigen mit einem einladenden Satz: "Wir sehen uns im Ring!"
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