Die Klitschkos gemeinsam im Trainingscamp: Witali und Wladimir teilen alles
zuletzt aktualisiert: 03.02.2012 - 08:30Going (RPO). Witali und Wladimir Klitschko sind erstmals seit 2004 wieder gemeinsam in einem Trainingslager. Die beiden Schwergewichts-Weltmeister empfinden das als einzigartige Möglichkeit und fühlen sich an alte Zeiten erinnert.
Vor acht Jahren war die Harmonie dahin. Wladimir Klitschko stand am Scheideweg der Karriere, selbst sein Bruder Witali hatte ihm geraten aufzuhören. Wladimir war im Schwergewichtskampf gegen Lemon Brewster unerwartet schwer K.o. gegangen, all die Heldengeschichten schienen zu verblassen. "Ich wollte meinen Bruder nicht im Krankenhaus sehen", sagt Witali heute dazu, am Rande des ersten gemeinsamen Trainingslagers seit jener Zeit.
Die Sorge um die Gesundheit des fünf Jahre jüngeren Wladimir hatte ihn umgetrieben. Damals 2004 war die gemeinsame Vorbereitung in Los Angeles kein gutes Omen für die Box-Champions, doch vieles hat sich seither geändert. "Wladimir hat sich selbst besiegt, er hat es sich selbst bewiesen", sagt Witali. Kein Gegner wird mehr auf die leichte Schulter genommen, die Einstellung beider ist geprägt von Akribie, Seriosität und Disziplin.
Alle relevanten Titel im Schwergewicht vereinen sie inzwischen auf sich. Ein legitimer Herausforderer ist nicht in Sicht. Witali ist Weltmeister der WBC, Wladimir nennt die Gürtel der Verbände IBF, WBO und WBA sein eigen und gilt in der unabhängigen Rangliste als Nummer eins im Schwergewicht. "Er ist der Stärkste der Welt", sagt Witali, der am 18. Februar in München gegen den Briten Dereck Chisora antritt. Wladimir ist etwa zwei Wochen später dran, am 3. März in Düsseldorf im verlegten WM-Fight gegen Jean-Marc Mormeck (Frankreich), der am 10. Dezember 2011 wegen einer Nierenkolik Klitschkos abgesagt worden war.
Weil die Kämpfe so dicht aufeinanderfolgen, überschneidet sich diesmal der Formaufbau. Aber vor den Titelverteidigungen der beiden Ukrainer ist mit einer ähnlich bösen Überraschung wie gegen Brewster nicht mehr zu rechnen. "So wie damals konnte es nicht weitergehen", sagt Wladimir. Der 35-Jährige hat seitdem nicht mehr verloren, und auch die kleinen atmosphärischen Störungen zwischen den Brüdern sind vergessen. "Es ist viel Zeit vergangen, und man ergänzt sich", sagt er. "Der Dampf ist jetzt raus", fügt Witali hinzu.
Wladimir sieht die Tage in Going am Wilden Kaiser als "einzigartige Möglichkeit" an, denn mit jedem Kampf nähert sich auch das freiwillige Ende der Laufbahn. Gerade Witali denkt mit seinen 40 Jahren nur noch von einem Kampf bis zum nächsten. "Wir sind hier wahrscheinlich zum ersten und zum letzten Mal gemeinsam", mutmaßt Wladimir.
Noch heute ist sein Bruder ein Vorbild für ihn. "Ich wäre ohne ihn niemals Boxer geworden. Ich wollte auch was zeigen, das war meine Motivation, mein Ansporn", sagt er. Jetzt ist Wladimir am meisten beeindruckt von Witalis physischer Verfassung und hofft, selbst davon zu zehren: "Ich habe ja die gleiche Genetik. Es wäre schön, mit 40 auch so fit zu sein".
Die Brüder genießen die gemeinsame Zeit, auch wenn Wladimir hier und da mit seinem Schlagzeugtalent für einen Pegel "wie im Konzertraum" sorgt, wie Witali berichtet. Der Alltag der Brüder ist doch sehr unterschiedlich geworden. Witali ist vor allem durch sein politisches Engagement in der Ukraine stark eingebunden. "Es ist außergewöhnlich spannend. Wir teilen alles, eben wie in einer guten Brüderschaft", sagt Wladimir. "Wir trainieren zusammen, wir essen zusammen", sekundiert Witali.
In der österreichischen Bergwelt werden nun auch Erinnerungen hervorgekramt. Schließlich hatte Fritz Sdunek, der heute nur noch Witali betreut, einst beide gecoacht - bis zum unheilvollen Duell mit Brewster. Wladimir vertraut seitdem auf die Dienste von Emanuel Steward. Die US-Trainerlegende reist aber erst am Montag an. Solange kümmert sich Sdunek eben um beide. "Mir bringt das gute Laune. Ich freu mich, mit Fritz im Gym zu stehen, das ist wie in alten Zeiten", sagt Wladimir. Gute alte Zeiten meint er.
So viel Freude animiert. Und deshalb sorgten die Brüder beim öffentlichen Sparring noch für ein besonderes Zuckerl. Plötzlich standen sie sich im Ring gegenüber. Der Kampf, auf den die ganze Welt wartet? Nein, natürlich nicht, nur ein leichtfüßiges Schattenboxen. Mutter Nadeschda muss sich keine Sorgen machen.
Dieses Duell bleibt ein unerfüllter Traum der Box-Fans.
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