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Eishockey-Kolumne: Das schnellste Finale aller Zeiten

VON ANDRE SCHALL - zuletzt aktualisiert: 20.05.2008 - 11:39

Quebec (RPO). Kanada gegen Russland - ein solches WM-Finale wollte ich mir am Sonntag auf keinen Fall entgehen lassen. Schnell die Fernsehzeitung aufgeschlagen: Super, das DSF überträgt von 20.15 bis 22 Uhr Live. Moment mal, 1:45 Stunden für ein Eishockey-Match? Das musste aber das schnellste Endspiel aller Zeiten werden.

Der Moment der Erkenntnis: Ilya Kovalchuk realisiert, was er da eben gemacht hat.  Foto: AFP, AFP
Der Moment der Erkenntnis: Ilya Kovalchuk realisiert, was er da eben gemacht hat. Foto: AFP, AFP

Normalerweise dauert so was doch weit über zwei Stunden. Fragen über Fragen schossen dem Eishockey-Liebhaber da durch den Kopf. Haben die in Kanada vielleicht die Drittelpausen abgeschafft? Wird ohne Schiris gespielt, um lästige Unterbrechungen zu vermeiden? Oder sind die Jungs vom Guinness-Buch mit der großen Stoppuhr in Quebec?

Die Antworten: Nein, nein und nein. Leider schaltete sich das DSF erst um 20.17 in die Übertragung ein. Wann aber hatte die (nicht ganz unbedeutende) Partie begonnen? 20 Uhr unserer Zeit? Nein. 19:30 Uhr? Auch nicht.

Bereits um 19 Uhr hatten die Unparteiischen die Akteure beider Mannschaften zum ersten Bully geladen. Eine Einladung, die aber nicht für deutsche TV-Zuschauer galt. Die durften erst ab der 33. Minute dabei sein. Empfangen wurde man dann von Moderator Marc Hindelang mit den Worten: „Die Partie hat bisher alles gehalten, was man sich versprochen hat“. Schön, wenn zumindest einer Spaß hatte.

Aber keine Sorge, viel passiert war ja noch nicht – es stand lediglich 4:2 für die Ahornblätter. Die ersten beiden Durchgänge wurden einem dann in der Drittelpause kurz als Zusammenfassung serviert. Man stelle sich mal vor, ein WM-Finale im Fußball würde erst ab der 50. Minute beim Stand von 2:1 gezeigt.

Nun ist mir natürlich klar, dass Eishockey kein Fußball ist – und auch nie werden wird. Auch habe ich Verständnis dafür, dass das DSF den letzten Spieltag der 2. Bundesliga ausführlich präsentieren möchte. Ich bin selbst Fußball-Fan und habe mir Teile der (wirklich guten) Sendung angeschaut. Warum man Hoffenheim und Co. aber sage und schreibe 2:45 Stunden (17:30 – 20:15 Uhr) einräumen muss, die Frage muss doch mal erlaubt sein.

Als die Kufencracks in Kanada loslegten, fiel also beim DSF gerade das 0:1 zwischen Freiburg und Wehen. Beurteilen Sie selbst, ob dieses Tor nicht ungleich wichtiger ist als so ein lächerliches Endspiel. Ohnehin findet die Eishockey-WM ja jedes Jahr statt. Was also soll die ganze Aufregung?

Damit man mich hier nicht falsch versteht: Ich bin wirklich ein DSF-Fan, habe mir auch nachts begeistert Live-Spiele des deutschen Teams angeschaut. Aber gegen die Übertragung des kompletten Endspiels hätte ich nichts einzuwenden gehabt. Und ich behaupte einfach mal, dass ich da nicht der einzige war.

Allerdings wurde der Eishockey-Fan dann zumindest teilweise entschädigt. Denn was war das noch für eine Partie! Russland rannte im letzten Abschnitt an, als gäbe es kein morgen und schaffte tatsächlich noch das 4:4.

Die Overtime musste die Entscheidung bringen. Das bedeutete: Ein Schuss, ein Tor, ein Titel. Als Kanadas Rick Nash wegen Spielverzögerung (schafft doch endlich mal diese bescheuerte Regel in dieser Form ab) unter den Pfiffen der Zuschauer auf die Strafbank musste, schlug die Stunde des Ilya Kovalchuk.

Der Star der Atlanta Thrashers hatte zuvor bereits das 4:4 gemacht. Bis zum Finale war der Torjäger jedoch so etwas wie der Depp der WM gewesen. Kein Tor, zwei Disziplinarstrafen – es war nicht das Turnier des Rechtsschützen. Die russische Presse hatte sich bereits auf ihn eingeschossen. Zu früh.

Denn Kovalchuk packte in der Overtime seinen berühmten Handgelenksschuss aus – und der passte. Sein Überzahl-Tor elektrisierte den Schützen förmlich. Er zuckte kurz zusammen, ehe Kovalchuk wild über das Eis hüpfte - wie einst US-Boy Mike Eruzione nach seinem 4:3-Siegtreffer über die Sowjets im Olympia-Halbfinale von Lake Placid 1980.

Kovalchuk wurde unter seinen Mitspielern förmlich begraben. Als er wieder stand, weinte der NHL-Profi Tränen der Freude. Die Russen bekamen sich überhaupt nicht mehr ein, feierten ihren ersten Titel seit 1993, als würde am nächsten Tag der Eishockey-Sport abgeschafft. Für einen Abend avancierte Wodka zum beliebtesten Getränk in Kanada. Prost und Glückwunsch an den würdigen Champion!


 
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