Kein Vorwurf an Gegenspieler: Bielecki plant das Unmögliche
zuletzt aktualisiert: 27.07.2010 - 14:14Mannheim (RPO). Die ersten Schritte zurück in die Normalität hat Karol Bielecki gemacht. Jetzt plant der bei einem Spiel-Unfall auf einem Auge erblindete Weltklasse-Handballer der Rhein-Neckar Löwen das scheinbar Unmögliche. Unterdessen will er von Schuldzuweisungen nichts wissen.
"Ich will wieder so gut spielen wie früher - oder noch besser. Mitleid brauche ich nicht", sagte Bielecki nur gut sechs Wochen nachdem er in Folge eines Zwischenfalls auf dem Spielfeld auf dem linken Auge erblindet war.
Auf dem Spielfeld scheint der polnische Nationalspieler schon wieder fast der Alte zu sein. Nur die rahmenlose Schutzbrille mit dem markanten Gummiband erinnert noch an den Schicksalsschlag vom 11. Juni. Für Bielecki selbst hat sich nach dem folgenschweren Unfall im Länderspiel gegen Kroatien in Kielce einiges geändert. "Ich muss auf dem Feld mehr überlegen, was als nächstes kommt. Auch das Ballfangen läuft anders ab", beschreibt der Vize-Weltmeister von 2007 die Schwierigkeiten.
Doch trotz der visuellen Einschränkung bewegt sich Bielecki erstaunlich sicher und scheut auch die harten Zweikämpfe nicht. Angst habe er nicht. "Ich glaube sogar, dass der im Länderspiel erlittene Unfall mich stärker gemacht hat", meint der 28-Jährige.
Mediziner, Funktionäre und Mitspieler sind gleichermaßen fasziniert. "Wir sind alle erstaunt, mit welcher Entschlossenheit Karol diese Herausforderung angenommen hat. Er will behandelt werden wie jeder andere", sagte Löwen-Manager Thorsten Storm, der Bielecki im linken Aufbau zu den fünf weltbesten Spielern zählt.
Im Benefizspiel zu Gunsten der Hinterbliebenen des an Krebs gestorbenen Oleg Velyky am Montagabend demonstrierte Bielecki gleich mal sein Selbstvertrauen. Nach nur 28 Sekunden zog der 2,02-m-Mann in unnachahmlicher Manier ab und brachte die Löwen gegen eine Weltauswahl (31:34) in Führung.
Es folgten zwei weitere Bielecki-Treffer - Fehlpässe blieben aus. Dabei hatte der Rückraumspieler bei seinem Comeback am vergangenen Donnerstag noch das Gefühl gehabt, dass "alle auf meine Hände schauen und sehen wollen, wie viele technische Fehler ich mache". Doch Bielecki hielt dem Druck stand. In diesem Zusammenhang sei bei den Betroffenen "die Akzeptanz der Situation wichtig", betonte Löwen-Mannschaftsarzt Andreas Klonz, der den Polen durch die schweren Wochen begleitet hat.
Bereits vor der zweiten Operation hatte das Betreuerteam die Konzentration von Bielecki bewusst auf die folgende Reha-Phase gelenkt. In dieser standen Koordinationsübungen im Mittelpunkt. Treppensteigen gestaltete sich in der Anfangsphase ebenso wie das Fangen von Softbällen als schwieriges und deprimierendes Unterfangen. Sprünge waren zunächst gar nicht erlaubt.
Sechs Wochen später erinnert bei Bielecki kaum noch etwas an den Zustand von damals. "Der Körper schafft Ausgleich-Mechanismen. Auch das andere Auge kompensiert", erklärte Klonz. Obwohl Bielecki nach eigenen Angaben wieder einen "normalen Alltag" hat, werden die Folgen des Unfalls weiter sein Leben bestimmen.
Das immer noch stark gerötete linke Auge, über dessen Entfernung zwischenzeitlich diskutiert worden war, muss regelmäßig untersucht werden. "Die Entzündung soll nicht auf das gesunde Auge übergehen. Deshalb muss auch Karols Immunsystem gestärkt werden", erklärte der Heidelberger Augenspezialist Thomas Katlun. Mit einer entsprechenden Ernährung und Akupunktur soll Bieleckis Körper dem stetigen Entzündungsherd trotzen.
Dem kroatischen Nationalspieler Josip Valcic, der am 11. Juni in einer unglücklichen Abwehraktion mit der Hand das Auge Bieleckis traf, macht der Pole keinen Vorwurf. "Wir haben keinen Kontakt, aber es ist auch nicht seine Schuld. Es war ein Unfall", sagte der introvertierte Bielecki mit leiser Stimme - und fügte gleich kämpferisch an: "Das Leben geht weiter."
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