Bielecki-Comeback: Mediziner erklärt das Handball-Wunder
VON SIMON GOSSEN - zuletzt aktualisiert: 03.09.2010 - 09:59Düsseldorf (RPO). Es ist eine Geschichte über Kampf, Willensstärke und den Glauben an sich selbst. Karol Bielecki, polnischer Handballprofi in Diensten der Rhein-Neckar Löwen, verlor nach einem Unfall am 11. Juni bei einem Länderspiel gegen Kroatien die Sehkraft seines linken Auges. Seine Karriere galt als beendet. Jetzt ist er zurück.
Bereits sechs Wochen nach dem Unfall nahm der Handballer wieder am Training des Bundesligisten teil. Jetzt hat Bielecki eindrucksvoll bewiesen, dass er an die hervorragenden Leistungen vor seiner tragischen Verletzung anknüpfen kann. Mit elf Toren trug er maßgeblich zum Sieg seiner Mannschaft im Ligabetrieb gegen Göppingen bei (23:22). Aus medizinischer Sicht ist sein Comeback mehr als erstaunlich.
"In dieser kurzen Zeit in den Profisport zurückzukehren, ist wirklich beachtlich", sagt Dr. Eugen Innocenti. Für den Düsseldorfer Facharzt der Augenheilkunde spielt gerade der Zeitfaktor eine wesentliche Rolle. "Das gesunde Auge muss sich zunächst daran gewöhnen, nur noch einen Teil des vorherigen Sichtfeldes wahrnehmen zu können. Ebenso das Gehirn", erklärt er.
"Räumlichkeit nicht mehr gegeben"
"Jeder Mensch, der zwei gesunde Augen besitzt, hat ein Sichtfeld von etwa 170 Grad", sagt Innocenti. "Mit nur einem sehfähigem Auge gehen zwischen 40 und 50 Grad davon verloren. Das bedeutet auch, dass Herr Bielecki über kein dreidimensionales Sehvermögen verfügt. Die Räumlichkeit ist nicht mehr gegeben", sagt der Augenarzt.
Man müsse sich vorstellen, einen 3D-Film im Kino zu schauen. "Schließen Sie ein Auge und der 3D-Effekt geht trotz 3D-Brille verloren." Deshalb sei es besonders wichtig, dass sich Gehirn und Auge schnell aufeinander abstimmen.
Lernprozess statt Training
"Bielecki wird lernen, seinen Kopf häufiger zu bewegen und seine Umgebung mit dem gesunden Auge öfter zu 'scannen' als zuvor", sagt der Mediziner. Gezielte Übungen, um dies zu trainieren, gebe es nicht. "Es handelt sich um Reflexe des Auges. Diese kommen mit der Zeit von alleine. Es setzt ein Lernprozess ein."
Da es sich um sein linkes Auge handelt, habe der 2,02 Meter lange Rechtshänder Glück im Unglück: "Meistens ist es so, dass bei Rechtshändern das rechte Auge als 'Führungsauge' dient und bei Linkshändern das linke Auge." Wäre das rechte Auge von Bielecki betroffen gewesen, sei der Umgewöhnungs- und Lernprozess noch schwieriger.
Ohne den Glauben an sich selbst wäre ein Comeback ohnehin nicht möglich gewesen. "Ich will wieder so gut spielen wie früher – oder noch besser", sagte Bielecki vor wenigen Wochen. Dass er es kann, ist nicht mehr zu bezweifeln.
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