Ex-Rad-Held bestätigt Kontakte zu Doping-Arzt: Jan Ullrich ist schuldig
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 10.02.2012 - 10:48Düsseldorf (RP). Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat sein Urteil gesprochen. Er sieht es als erwiesen an, dass der einzige deutsche Tour-de-France-Sieger Kunde beim Blutdoping-Experten Fuentes war. Und Jan Ullrich gibt zu, Kontakt zu Fuentes gehabt zu haben.
Rudolf Scharping schaute den Reporter vom Fernsehen an, als rede der wirres Zeug. "Das halte ich für ein Gerücht", sagte der ehemalige Bundesverteidigungsminister, als er am Samstag in den Wiesbadener Rhein-Main-Hallen auf Jan Ullrichs angeblichen Besuch beim "Ball des Sports" angesprochen wurde. Doch, doch, Ullrich und seine Frau Sara waren da. Die Ballgäste starrten sie an, als kämen sie vom anderen Stern. Ullrich trug Smoking und – wie es sich für ihn zur Winterzeit gehört – ein stattliches Doppelkinn.
Scharpings Reaktion ist bezeichnend. Der Politiker, der seit 2005 dem Bund Deutscher Radfahrer vorsteht, will mit Ullrich nicht mehr viel zu tun haben. So wie die meisten, die ihrem "Ulle" viele Jahre zugejubelt hatten, die ihm zu den Alpen-Etappen hinterhergereist waren, die sich in magentafarbene T-Mobile-Trikots gezwängt und das Rennrad für sich entdeckt hatten. Scharping saß bei der Tour de France im Betreuerwagen hinter Ullrich, er vergötterte den Helden.
Aus Bewunderung wird nur noch Verachtung
Scharpings Sinneswandel lässt sich auf das ganze Volk übertragen. So hoch es den Rennfahrer nach dessen Toursieg 1997 jubelte, so tief ließ es ihn fallen, als die Verstrickung in die Blutdoping-Affäre um den Spanier Eufemiano Fuentes offenbar wurde. Im Juli 2006 war das, gerade zu der Zeit, als sich Deutschland im Fußball-Sommermärchen besoffen feierte. Überzogene, kritiklose, irrationale Bewunderung für Ullrich schlug in ebenso überzogene Verachtung um.
Was Anfang Juli 2006 vor den Toren Straßburgs mit der Suspendierung durch das T-Mobile-Team begonnen hatte, fand am Donnerstag den Abschluss. Nach mehr als fünf Jahren mit zähen juristischen Verhandlungen, mit Einsprüchen, mit dem Gang zur jeweils höheren Instanz. Der Fall zeigt das Dilemma der Sportgerichtsbarkeit.
Der Internationale Sportgerichtshof (Cas) im Schweizer Lausanne, der am Montag ja auch erst nach mehr als 500 quälenden Tagen sein Urteil über den spanischen Toursieger Alberto Contador abgegeben hatte, sprach nun das Urteil in der deutschen Causa. Die Kammer sah es als erwiesen an, dass Ullrich verbotene Methoden zur Leistungssteigerung eingesetzt habe.
Er habe sein Blut beim Madrider Experten Fuentes abzapfen und bei Bedarf wieder zuführen lassen, um die Sauerstoffaufnahmefähigkeit und damit die Ausdauerleistung zu erhöhen. Das Verfahren ist laut Kodex der Weltantidoping-Agentur (Wada) verboten. Ullrichs Reisen zu dem Spanier seien hinreichend belegt, genauso seine Zahlungen von rund 80.000 Euro, stellt der Cas fest. Auch ein DNS-Abgleich zwischen dem Inhalt von Blutbeuteln aus Fuentes' Depot und Ullrichs Erbgut überführte den ehemaligen Radprofi.
Der Sportgerichtshof rügte Ullrichs "Unwillen", sich "substanziell zur Sache einzulassen". Der Beklagte habe weder den Wahrheitsgehalt der vom Radsportweltverband (UCI) vorgelegten Beweise infrage gestellt "noch irgendeinen anderen substanziellen Aspekt".
Die Strafe: Jan Ullrichs sämtliche Ergebnisse von der nachgewiesenen Kontaktaufnahme mit Fuentes am 1. Mai 2005 bis zum Karriereende am 27. Februar 2007 werden annulliert – darunter der dritte Platz bei seiner letzten Tour de France 2005, als er nur den Texaner Lance Armstrong und den Italiener Ivan Basso ziehen lassen musste. Jan Ullrich ist schuldig. Mit ihm aber auch all die, die ihn trieben, die die Schulter klopften und ihn nicht vor Irrwegen warnten.
Toursieg bleibt unangetastet
Die lebenslange Sperre, die die UCI gefordert hatte und die Ullrich fortan jegliche Tätigkeit im Radsport – etwa als Teamchef oder Trainer – untersagt hätte, sprach der Cas nicht aus. Ullrichs Toursieg bleibt unangetastet. Auch das Olympiagold aus Sydney behält er.
"Ich bin froh, dass das Urteil endlich kommt. Für mich ist das ein Glückstag", hatte Ullrich am Dienstag gesagt, als er eine Pressekonferenz gab und die Zusammenarbeit mit Alpecin (früherer Slogan: "Doping für die Haare") verkündete. Sein Auftritt in Bielefeld lud zu der Interpretation ein, er werde bald zumindest ein Teilgeständnis ablegen. In einer Stellungnahmer auf seiner Homepage gab Ullrich rund zwölf Stunden nach dem CAS-Urteil zu, Kontakt zu Fuentes gehabt zu haben. Ein echtes Geständnis war das nicht, auch wenn Ullrich um Verzeihung bittet. "Ich weiß, dass das ein großer Fehler war, den ich sehr bereue. Für dieses Verhalten möchte ich mich bei allen aufrichtig entschuldigen - es tut mir sehr leid", schrieb der Wahl-Schweizer.
Er kündigte an, den CAS-Spruch nicht anzufechten. "Nicht, weil ich mit allen Punkten in der Urteilsbegründung übereinstimme, sondern, weil ich das Thema endgültig beenden möchte", betonte er in der kurz vor Mitternacht veröffentlichten Erklärung. "Persönliche Konsequenzen habe ich ja bereits 2007 mit dem Rücktritt vom Profiradsport gezogen."
Ullrich beschrieb in der Erklärung auch den Druck, unter dem er 2006 stand: "Ich wollte für die Tour 2006 nochmal alles rausholen. Nach meinem Toursieg 1997 und fünf zweiten Plätzen war der Druck der Öffentlichkeit, der Sponsoren und auch mein Eigendruck immens groß. Alle wollten einen zweiten Toursieg, besonders nach dem Rücktritt von Lance Armstrong", sagte er.
"So wahr mir Gott helfe"
Unverbesserliche Ullrich-Fans hatten immer noch seine Unschuld beschworen. Sie hatten sich an seinem gebetsmühlenartigen "Ich habe niemanden betrogen" festgehalten. Im Streit mit einem Sponsor hatte der gebürtige Mecklenburger vor dreieinhalb Jahren vor dem Landgericht Düsseldorf ja sogar unter Eid ("So wahr mir Gott helfe") ausgesagt, nicht gedopt zu haben. Allerdings bezog sich diese Aussage nur auf drei Monate im Jahr 2003.
Doch spätestens seit die Staatsanwaltschaft Bonn vor gut drei Jahren ein Verfahren wegen Betrugs zulasten des Telekom-Konzerns gegen Zahlung eines sechsstelligen Betrags durch Ullrich eingestellt hatte, war der Sachverhalt offensichtlich. Die Ermittlungsbehörde hatte klar formuliert: "Er hat gedopt."
Über Jahre hatte sich Ullrich kaum sehen lassen. Er lebte zurückgezogen am Schweizer Ufer des Bodensees und unterzog sich einer ärztlichen Behandlung wegen Burn-out-Symptomen. Im vergangenen Sommer setzte er sich wieder aufs Rad. Im Ötztal fuhr er ein Rennen für ambitionierte Hobbyfahrer. Für 2012 hat er sich fünf solcher Jedermann-Touren vorgenommen. "Wieder im Rennen" hieß eine Biografie nach dem Comeback, das auf Ullrichs erste Dopingsperre 2002 (Amphetamine) folgte. So weit wird es dieses Mal nicht kommen. Mit 38 Jahren hat er ein anderes Leben vor sich.