Dopingermittlungen: Armstrongs härtester Gegner wartet jetzt
zuletzt aktualisiert: 26.07.2010 - 12:36Paris (RPO). Ohne große Show geht es nicht: Nach seinem sportlichen Desaster sorgte Lance Armstrong vor der letzten Etappe der 97. Tour de France noch einmal für einen Eklat.
Der Rekordsieger und seine Teamkollegen erschienen zum neutralen Start in Longjumeau in Sondertrikots von Armstrongs Krebsstiftung Livestrong. Erst als die Jury mit einer Disqualifikation drohte, hatten die Fahrer ein Einsehen und wechselten die Kleidung. Laut Reglement dürfen die Fahrer nur das offiziell angemeldete Trikot ihres Teams tragen.
Armstrongs Kalkül war längst aufgegangen, alle Kameras waren auf ihn gerichtet. Das wird sich auch nach dem diesmal endgültigen Adieu zur Tour nicht ändern. Nach der letzten Ehrenrunde auf den Champs Elysees wartet der wohl härteste Gegner seines Lebens auf ihn, denn Chefermittler Jeff Novitzky sehnt im fernen Amerika das Ende der Tour herbei. Doping ist in den USA nicht strafbar, doch er will Armstrong wegen Betrugs und Verschwörung im früheren Team US Postal auf der Anklagebank sehen.
Armstrong bleibt cool
Armstrong spielt noch den Gelassenen. "Ich vertraue hundertprozentig darauf, dass sich alles zu meiner Zufriedenheit klärt", sagt der 38-Jährige und schweift in patriotischen Pathos ab: "Es sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Man kann jemanden nicht für etwas bestrafen, was er nicht getan hat."
Dennoch hat der Texaner Staranwalt Brian Daly engagiert. Man müsse sich eben schützen, lässt er verlauten. Zumal sich Armstrong zuletzt in Widersprüchen verstrickte. Er beteuerte, keine Anteile an der Firma Tailwind Sports, in deren Besitz der Rennstall US Postal war, gehabt zu haben. 2005 hatte er während einer Gerichtsverhandlung gesagt, ihm gehörten zehn Prozent von Tailwind Sports.
Der Respekt oder auch die Angst vor Novtizky, einem kahlköpfigen Zwei-Meter-Mann, ist offenbar groß. Dass der Fahnder einst Sportstars wie Sprinterin Marion Jones oder Baseball-Ikone Barry Bonds auf die Schliche kam, dürfte auch Armstrong beeindrucken. Bereits in wenigen Tagen sollen die ersten Zeugen in San Francisco vor einer Grand Jury aussagen. Darunter auch Armstrongs Chef-Kritiker Greg LeMond.
Landis packt aus
Im Laufe der Tour wechselte der einstige Patron sogar seine Verteidigungstaktik. Statt den Anschuldigungen von Floyd Landis aggressiv entgegenzutreten, war auf einmal von Kooperation mit den Ermittlern die Rede.
Armstrong dürfte es nicht gefallen haben, dass sein früherer Teamkollege Landis, der den Stein mit seinem Geständnis im Mai ins Rollen gebracht hatte, die Vorwürfe am Wochenende erstmals im US-Fernsehen wiederholte. "Irgendwann ist es an der Zeit, den Kindern zu sagen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Ich hasse es, der Typ zu sein, der es sagt. Aber es ist alles einfach nicht wahr", sagte Landis dem TV-Sender ABC.
Landis bestätigte, dass er mehrmals gesehen habe, wie Armstrong Bluttransfusionen erhielt und leistungssteigernde Mittel nahm. Bei den Substanzen habe es sich unter anderem um das Blutdopingmittel Epo gehandelt. Auf die Frage, ob Armstrong ein Betrüger sei, antwortete Landis ausweichend: "Wenn er die Tour nicht gewonnen hätte, hätte es ein anderer gedopter Fahrer getan."
Von seinem achten Tour-Sieg war Armstrong in diesem Jahr ungefähr so weit entfernt wie von seiner Heimat Texas. Der einstige Patron zollte offenbar dem hohen Alter Tribut und bestritt das zweite Drittel der Rundfahrt mehr oder weniger als Hobbyradler. In seiner einstigen Parade-Disziplin Zeitfahren rollte Armstrong am Samstag mit über sieben Minuten Rückstand auf Sieger Fabian Cancellara über den Zielstrich.
"Privatleben wartet auf mich"
"Ab jetzt wartet das Privatleben auf mich. Wenn mich einer sucht, findet er mich am Strand", sagte Armstrong. Sein zehnjähriger Sohn Luke begleitete den berühmten Papa in den letzten Tour-Tagen. Für den letzten Artikel des Tour-Organs L'Equipe brauchte der Filius nicht einmal Französischkenntnisse. "Endstrong" prangte in großen Lettern auf Seite fünf.
Dass er eine Tour zu viel gefahren ist, merkte Armstrong schon in den Alpen. "Ich habe ihn das erste Mal leiden sehen. Wir werden halt alle nicht jünger. Aber Chapeau, wie er nach der Pause zurückgekommen ist", sagte die deutsche Hoffnung Tony Martin. Jens Voigt meinte: "Er war ja der König der Könige. Er hat vermutlich unterschätzt, dass sich die jungen Fahrer wie Alberto Contador in seiner Abwesenheit weiterentwickelt haben."
Nach dem schwachen Abschneiden in Frankreich zweifelt Lance Armstrong an der Forsetzung seiner Karriere. "Ich habe noch nicht endgültig entschieden, was ich im nächsten Jahr mache", sagte der Texaner. Ursprünglich hatte Armstrong angekündigt, auch 2011 im Sattel sitzen zu wollen, auch wenn er in Europa keine Rennen mehr bestreiten wolle. Seine letzte Tour de France hatte der 38-Jährige am Sonntag auf Platz 23 beendet.
Mit dem Ende der Tour ist für Armstrong auch die Saison vorbei. "Ich werde dieses Jahr nur noch bei Hobbyrennen fahren. Und in Austin seht ihr mich mit meinen Kindern auf dem Rad", sagte der siebenmalige Tour-Sieger: "Das Comeback 2.0 ist vorbei. Ich baue jetzt Sandburgen, bin bei meiner Familie und will sorgenfrei leben."
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