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Andy Schleck Panorama Contador afp 2010 tour de france
  Foto: AFP, AFP
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Keine Spannung: Die Fehler der Tour de France

VON KLAUS KRAUSE - zuletzt aktualisiert: 27.07.2010 - 12:07

Düsseldorf (RPO). "Ende gut – alles gut", werden die glühenden Anhänger der Tour de France posaunen. War es nicht hinreißend, das Duell um Gelb zwischen Alberto Contador und Andy Schleck? War er nicht großartig, der verbissene Kampf um das Grüne Trikot bis auf den letzten Meter?

Schön und gut, werden andere entgegnen. Aber 60, 90, 120 spannende Minuten sind keine Entschädigung für 88 Stunden Leerlauf und Langeweile. Wer es ehrlich meint mit der Tour de France, wird gestehen, das Monument mit 100-jähriger Geschichte hat Rost angesetzt.

Die alten Schnittmuster stimmen nicht mehr, die Drehbücher sind vergilbt. Es kann nicht im Sinne des Erfinders sein, wenn Millionen Zuschauer nach endlosen Stunden am Bildschirm begeistert verkünden: Das Schönste an der Tour de France ist die Landschaft. Es wird Zeit, dass sich die Verantwortlichen in Paris Gedanken machen, wie sie das größte Radsportereignis der Welt entschlacken und ihm neuen Schwung verleihen.

Info

2011 im Zeichen der Alpen

Die Tour de France 2011 wird ganz im Zeichen der Alpen stehen und legendäre Anstiege wie Alpe d'Huez und den Col du Galibier beinhalten. Der 2556 m hohe Galibier stand 1911 zum ersten Mal im Programm der Tour, was im kommenden Jahr gewürdigt werden soll. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt der Tour in den Pyrenäen mit dem Col du Tourmalet, der vor 100 Jahren erstmals von den Fahrern bewältigt werden musste.

Am Tag nach der Siegerehrung der Tour 2010 dazu Anregungen für die gefeierten Helden:

1) Zwei Wochen sind genug
Die Drei-Wochen-Rundfahrten im Radsport sind ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Wenn in den endlosen Sommerferien des Südens das öffentliche Leben nur noch träge vor sich hin dämmerte, wenn Fabriken und Geschäfte geschlossen hatten, waren die langen Rundfahrten mit den „Helden der Landstraße“ und ihrem bunten Tross überall eine willkommene Abwechslung. Aber die Welt hat sich geändert. Heute wird man die Frage stellen dürfen, braucht es tatsächlich drei Wochen, um herauszufinden, welcher Rennfahrer am schnellsten von A nach B kommt? Für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking beispielsweise mit ihren 302 Wettbewerben in 28 Sportarten reichten 17 Tage einschließlich Eröffnungs- und Schlusszeremonie. Eine Tour de France, die mit allem Drum und Dran in zwei Wochen über die Bühne geht, wäre für alle ein Gewinn. Mehr Feuer, weniger Asche.

2) In der Kürze liegt die Würze
Für spannungsreiche Rennen sind die Etappen in ihrem jetzigen Zuschnitt zu lang. Bei Strecken von 150 Kilometern und mehr wird automatisch auf Schema F geschaltet. Und das heißt: Start, stundenlang führt eine Ausreißergruppe, Nachführarbeit, Verfolgungsjagd, Massensprint, Ziel. Von Ausnahmen abgesehen jeden Tag dieselbe Leier. Die Zwischensprints und Bergwertungen im Streckenverlauf sind überflüssig, werden von niemandem ernst genommen. Auch für die Tour de France gilt: In der Kürze liegt die Würze. Kürzere Etappen bedeuten mehr Betrieb, mehr Action, mehr Spannung, mehr Sport. Fehler haben sofort eine Auswirkung. Womöglich ergeben dann auch Zwischenwertungen wieder einen Sinn.

3) Mehr Mannschaft
Nur sporadisch steht bei der Tour auch ein Mannschaftszeitfahren auf dem Programm. Es ist nicht beliebt bei den Teams, weil es angeblich die Einzelwertung verfälscht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Mehr Mannschafts-Wettbewerbe wären eine zweite Schiene für die Einzelwertung. Kreative Köpfe empfehlen den Veranstaltern der großen Rundfahrten seit langem einen Staffel-Wettbewerb wie in der Leichtathletik, im Schwimmen oder bei den Skiläufern. Welch eine Bereicherung, gäbe es bei der Tour de France einen Staffel- Wettbewerb über beispielsweise 9 x 20 Kilometer. Das übliche Mannschaftszeitfahren darf dabei gerne als ergänzende Etappe dienen, denn nicht nur die spektakulären TV-Bilder, sondern auch die Verschiebungen im Klassement erhöhen durchweg den Spannungsbogen der Tour.

4) Ersatzfahrer her
Was ist eigentlich so sehenswert daran, wenn sich Rennfahrer mit gebrochenen Rippen, lädierten Knien oder dicken Wundverbänden bei glühender Hitze über die Strecken quälen. Jedes Jahr aufs Neue zu besichtigen bei der Tour de France, weil bisher kein Verantwortlicher die nahe liegende Idee aufgreift, bei Krankheit, Verletzung oder Formschwäche Ersatzfahrer zuzulassen. Neuer Schwung käme noch zusätzlich ins Geschehen, könnten die Sportdirektoren aus taktischen Gründen Teams mit wechselnder Besetzung ins Rennen schicken, beispielsweise für Flachetappen oder Bergetappen. Schließlich interessieren Plätze jenseits der Top 20 niemanden.

5) Weniger und kleinere Teams
Wozu braucht eine Mannschaft neun Fahrer. Klar, für den Fall, dass welche ausfallen und zum Wasserholen. Letztlich sind 70 Prozent des Pelotons für die Zuschauer völlig irrelevant. Fünf Fahrer pro Mannschaft, gerne mit Ersatz-Pedaleuren, reichen völlig. Dazu weniger Teams (16 genügen), so dass nur rund 80 Fahrer statt der üblichen 180 und mehr auf der Straße sind, das erhöht den Überblick. Die taktischen Maßnahmen wären ausgeklügelter, von Beginn an darf sich niemand ausruhen. Die Auswahl der Fahrer wäre wichtiger. Die Favoriten müssten mitarbeiten. Zudem werden Kosten gespart.

6) Geld locker machen
Bei der Tour de France wird über Geld selten gesprochen. Das hat auch seinen Grund. Bei der "Großen Schleife" gibt es verhältnismäßig wenig zu holen. Der Prämientopf ist mit insgesamt 3,2 Millionen Euro alles andere als üppig gefüllt. 800.000 Euro weniger als beispiwelsweise das Preisgeld für ein einziges Pferderennen, den Prix de l’Arc de Triomphe in Paris-Longchamp. Der dauert fünf Minuten. Den Löwenanteil der Tour-Prämien kassieren die Trikot-Gewinner, die ohnehin zu den wenigen Großverdienern im Radsport zählen. Die Masse der Fahrer wird - im Vergleich zu anderen Sportarten - mit Almosen bedacht. Der Letztplatzierte des Gesamtklassements erhält für die dreiwöchige Schinderei nach rund 3.600 Kilometern eine Prämie von 400 Euro. Das entspricht einem Kilometergeld von elf Cent. Dem Sieger eines Zwischensprints winken 500 Euro, ein Tag im Gelben Trikot bringt 350 Euro. Bei diesen Hungerleider-Prämien braucht sich niemand zu wundern, wenn die Rennfahrer es so oft wie möglich ruhig angehen lassen. Die Tour de France braucht dringend eine Spritze. Eine Finanzspitze zur sportlichen Wiederbelebung. Das geht übrigens nur ohne Dopingskandale.


 
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