Interview mit Jens Voigt: "Für mich ist Armstrong der Tour-Favorit"
VON DAS GESPRÄCH FÜHRTE MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 03.07.2009 - 11:55Monte Carlo (RPO). Jens Voigt geht bei der Tour de France mit 37 Jahren als erfahrenster deutscher Rad-Profi an den Start. Im Exklusiv-Interview spricht er über den Doping-Schatten über der Tour, seine persönlichen Ziele und erklärt, warum Lance Armstrong sein Favorit ist.
Sie fahren Ihre zwölfte Tour. Ist die Frankreich-Rundfahrt immer noch etwas Besonderes für Sie?
Voigt: Die Tour ist das Größte, Schönste, Atemberaubendste überhaupt. Ich merke, wie die Aufregung zunimmt und das Herz höher schlägt. Nicht nur weil ich von den Yachten im Hafen so beeindruckt bin.
Am Samstag geht es mit einem Zeitfahren über 15,5 Kilometer los. Was halten Sie von der Strecke?
Voigt: Ganz schön knackig. Da werden wir schon große Zeitabstände bekommen. Ich glaube, das ist ein guter Kurs für Fabian Cancellara, meinen Teamkameraden bei Saxobank. Der kommt den Berg gut hoch und rast mit 150 km/h wieder runter. Da kommt Alberto Contador mit seinen 50 Kilo nicht mit.
Wer ist für Sie der Favorit auf den Gesamtsieg?
Voigt: Ich lege mich fest: Lance Armstrong ist mein Favorit, auch wenn ich mit dieser Prognose am Ende wie ein Trottel dastehen sollte.
Warum schätzen Sie ihn so stark ein?
Voigt: Weil er Lance Armstrong ist. Der kommt nicht beim Barbecue mal eben auf die Idee, ein Comeback zu geben. Wenn er zurückkehrt, dann hat er einen Plan. Nein, das ist alles gut durchdacht. Lance tritt hier nicht an, um 15. oder 35. zu werden. Ich habe ihn in Australien, in Kalifornien und zuletzt in Italien aus nächster Nähe gesehen. Gerade beim Giro hat er mich überzeugt, weil er sukzessive besser geworden ist. Ich habe ja ungefähr sein Alter. Ich könnte nicht ein paar Jahre aussetzen und dann wiederkommen. Aber man muss bedenken, dass er die ganze Zeit ein hohes Fitnesslevel gehalten hat.
Wie bewerten Sie seine Rückkehr für den gesamten Radsport? Schließlich schwingt bei ihm ja immer der Verdacht der Manipulation mit.
Voigt: Wir können nicht immer im Gestern leben. Dass er seine Rückkehr in den Dienst seiner Krebsstiftung stellt, macht ihn moralisch unantastbar.
Mit welchen persönlichen Zielen treten Sie an?
Voigt: Ich denke, wir werden etwas offensiver fahren als im vergangenen Jahr. In Fränk und Andy Schleck haben wir zwei sehr gute Leute fürs Klassement. Vielleicht bekomme ich mal die Chance, auf eigene Kappe zu fahren. Allerdings hatte ich auch schon viele Jahre Gelegenheit, mich mit Ausreißversuchen bei der Tour auszutoben. Heute ziehe ich eine unglaubliche Befriedigung daraus, als Wasserholer für die Mannschaft zu arbeiten. Gerade wenn es so erfolgreich endet wie im vergangenen Jahr, als wir mit Carlos Sastre den Gesamtsieg herausgeholt haben.
Was trauen Sie Sastre zu, der jetzt für das Cervelo-Testteam fährt?
Voigt: Wenn er auf seine Form vom Giro noch zehn Prozent draufpacken kann, wird er sehr zu beachten sein. Aber ob er dazu in der Lage ist, das kann ich frühestens nach de Zeitfahren am Samstag sagen.
Bei zwei Etappen wird der Funkkontakt zwischen Rennfahrern und Sportlichen Leitern verboten. Was halten Sie davon?
Voigt: Das ist ein unsinniger Rückfall in alte Zeiten. Unsere Sponsoren geben uns jährlich zwölf Millionen Euro, damit wir das Optimum herausholen. Dazu passt diese Änderung im Reglement einfach nicht. Die Funkverbindung ist auch unter Sicherheitsaspekten wichtig, etwa wenn aus dem Begleitfahrzeug vor plötzlich auftretenden Gefahren gewarnt werden kann. Wenn das so weitergeht, könnten wir ja demnächst auch mal ohne Helme oder mit durchgeschnittenen Bremszügen fahren. Das wäre ja auch ein Spektakel.
Die vorletzte Etappe führt auf den Mont Ventoux. Was bewerten Sie die ungewöhnliche Streckenführung?
Voigt: Warum nicht? Etwas Neues auszuprobieren, hat seinen Reiz. Aber bis dahin denke ich kaum. Es liegt noch so viel vor uns. Es wäre allerdings interessant zu sehen, wie sich das Rennen entwickelt, wenn mehrere Fahrer vor dem Ventoux mit Zeitabständen von 30 oder 40 Sekunden beisammen sind.
Ihr ehemaliger Kollege Jörg Jaksche sagt, dass aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Tour-Sieger 2009 gedopt sein wird.
Voigt: Ach ja, der Jörg. Wie langweilig wäre das Leben ohne den Jörg.
Die Problematik stellt sich aber.
Voigt: Ich mag es nicht, aber ich kann verstehen, wenn Sie fragen: Und Jens, was ist bei dir?
Und Jens, was ist bei dir?
Voigt: Ich kann nur immer wieder wiederholen: Ich habe nicht gedopt, ich dope nicht, und ich werde nicht dopen.
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