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Rücktritt mit 25 Jahren: Warum macht Henin Schluss?

VON STEFANIE SANDMEIER UND STEPHAN SEEGER - zuletzt aktualisiert: 15.05.2008 - 16:53

Düsseldorf (RPO). Justine Henin will nicht mehr. Mehr als einhundert Wochen führte die Belgierin die Weltrangliste an. Sie gewann 41 Titel, davon sieben Grand-Slam-Turniere, holte Gold bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen und galt bei vielen Experten als die kompletteste Spielerin der Tour. Ihr Markenzeichen, die einhändig gespielte Rückhand, bezeichnete John McEnroe gar als den "schönsten Schlag, den es im Tennis gibt".

Wenige Tage vor ihrem 26. Geburtstag entschied Henin, dass sie künftig "andere Ziele in ihrem Leben suchen will als nur Erfolge im Sport". Roger Federer, Weltranglisten-Erster der Männer, sprach von einem "Schock für die Tenniswelt". Henin sagte in Brüssel: "Das ist ein wichtiger Tag in meinem Leben. Ich weiß, dass es für viele Leute ein Schock und eine Überraschung ist", und ergänzte: "Aber ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr die Motivation habe, jeden Tag zu trainieren und auf dem Platz zu stehen. Natürlich werde ich Tennis vermissen, aber ich werde andere Sachen machen."

Doch warum macht die Belgierin, die den Damen-Tennisssport nach Belieben beherrschte, Schluss? Seit ihrem fünften Lebensjahr steht Henin täglich auf dem Court. 20 lange Jahre hatte sie nichts anderes als Tennis im Kopf. Das harte Profi-Geschäft zehrte an ihren Nerven, die ständige Reiserei und der durch wöchentliche Turniere volle Terminkalender waren zu viel. Ein Burn-Out-Syndrom wurde noch nicht diagnostiziert, offenbar steht Henin aber nur eine Stufe davor.

"Justine ist müde und möchte das tun, was sie seit Jahren vernachlässigt: leben", sagt Henins Trainer. Das wurde auch auf dem Platz in jüngster Zeit immer wieder sichtbar. Henin verlor mehr und mehr Matches und spielte nicht mehr so dominant wie gewohnt.

Henin ist aber nicht die Erste, die am Zenit ihrer Karriere den Rücktritt bekanntgab. Martina Hingis hatte sogar schon früher genug vom Tennis. Im Alter von 22 Jahren machte die Schweizerin im Februar 2003 Schluss. Chronische Fußprobleme gaben den Ausschlag für diesen überraschenden Schritt. Doch Hingis, die insgesamt 209 Wochen auf Rang eins der Weltrangliste stand und 43 Einzeltitel einfuhr, kam 2006 zurück.

Immerhin arbeitete sie sich wieder auf Rang sechs der Weltrangliste vor. Am 1. Januar ging die Eidgenossin beim WTA-Turnier in Brisbane an den Start. Bei einer Pressekonferenz im November 2007 beendete Hingis zum zweiten Mal ihre Karriere.

Möglich also, dass Henin ihr Karriereende ebenso schnell bereut wie Martina Hingis. Die nötige Auszeit ist verständlich. Aber wenn es in ein, zwei Jahren wieder im Arm juckt, greift Henin mit großer Wahrscheinlichkeit noch einmal die Weltspitze an. Mit 25 Jahren kann man sich sicher nicht komplett aus dem Profisport zurückziehen.

Möglicherweise gab aber auch ihre wiedergefundene Familie den entscheidenden Anstoß. Denn das Leben der 25-Jährigen war bislang mehr von Schicksalsschlägen als von Erfolgen geprägt. Im Mai 2007 hatte ihr Arzt geraten, einen Asthma-Spezialisten aufzusuchen - ausgerechnet in der Klinik, in der 1995 ihre Mutter Francoise an Krebs gestorben war.

Als Henin den Eingang betrat, erfuhr sie, dass ihr Bruder David dort nach einem Autounfall im Koma lag. David ist eines von drei Geschwistern, von denen sie neben dem Vater seit ihrer Jugend getrennt lebte. Das dramatische Ereignis mit glücklichem Ende führte die Familie wieder zusammen und half der Belgierin, ihre Scheidung von Pierre-Yves Hardenne zu verarbeiten.

Nach Henins Rücktritt ist Maria Scharapowa (Russland) in der Tennis-Weltrangliste am kommenden Montag (19. Mai) die neue Nummer eins. Scharapowa, in dieser Woche noch hinter Henin an Position zwei notiert, rückt zum vierten Mal in ihrer Karriere an die Spitze des Rankings. Sie war bislang insgesamt 14 Wochen lang die Nummer eins, erstmals im August 2005.


 
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