Britische Hoffnung in Wimbledon: Murray kämpft um seinen Ruf
VON DIETER KODITEK - zuletzt aktualisiert: 25.06.2009 - 07:25London (RPO). Kaum hat man das Land betreten, starren einen von allen Titelseiten die Augen dieses bleichen, ernsten, jungen Menschen an. Man könnte ganz London mit diesen Seiten tapezieren, denn im Inneren der Zeitungen setzt sich das fort. Und auch in den Fernsehprogrammen ist er omnipräsent.
Andy Murray ist Britanniens große Hoffnung. Von diesem 22-jährigen Spargeltarzan erwarten die Bewohner der Insel, dass er sie aus einer langen Depression befreit. Vor 73 Jahren hatte ein gewisser Fred Perry seinen dritten Titel bei den All England Championships in Wimbledon gewonnen.
Seither warten die Gastgeber des bedeutendsten aller Tennisturniere vergeblich, dass es ihm einer gleichtun würde. Es gab hoffnungsvolle Aspiranten – John Lloyd, Roger Taylor, Buster Mottram, Tim Henman. Sie alle wurden gewogen und für zu leicht befunden.
Jetzt also Andy Murray. Niemand bezweifelt, dass er das Zeug zum Champion hat. Bei den US Open 2008 erreichte er schon mal das Finale eines Grand-Slam-Turniers, scheiterte aber an Roger Federer. In der ersten Hälfte dieses Jahres war er sehr erfolgreich, gewann die Turniere in Katar, Rotterdam und Miami.
Er besiegte namhafte Konkurrenten wie Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic und Juan Martin del Potro, rückte auf Platz drei der Weltrangliste vor. So einer ist natürlich in der Lage, den ganz großen Coup zu landen.
Aber ist Andy Murray wirklich der Liebling aller Briten? Ein renommierter Londoner Zeitungskolumnist hat sich dieser Frage von einer speziellen Seite genähert. Er durchstöberte im Internet die Blogs mit Meinungen der Landsleute über den jungen Tennishelden, und die waren mehrheitlich nicht gerade schmeichelhaft. Er zitierte: "Andy sei arrogant, unnahbar, hässlich, emotionslos. Erhabe miserable Umgangsformen und sei ein schlechter Verlierer." Und das Schlimmste: "Er ist Schotte."
Aus eigener Beobachtung weiß der Analyst hinzuzufügen, dass Murray nicht einmal ungeteilte Zustimmung fand, als er vorige Woche das Rasenturnier im Londoner Queen's Club gewann – immerhin als erster Brite seit dem legendären Bunny Austin 1938. "Als Andy den Pokal in die Höhe stemmte", schreibt er, "verließen die Zuschauer bereits reihenweise den Center Court."
Murrays Todsünde, die ihm von vielen nicht verziehen wird, bestand darin, dass er vor drei Jahren bei einer Pressekonferenz äußerte, er werde bei der Fußball-WM 2006 nicht auf der Seite der englischen Mannschaft sein.
Dass dies nur ein ironisch gemeinter Scherz ohne Wahrheitsgehalt sein sollte, wie er später behauptete, wurde ihm nicht abgenommen, zumal er noch angefügt hatte, er möge die Engländer ohnehin nicht besonders.
Die solchermaßen verprellten Zeitgenossen wird Murray wohl nur besänftigen können, wenn ihm am 5. Juli der Herzog von Kent die begehrte Trophäe überreicht. Dann haben ihn bestimmt alle lieb.
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