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Wimbledon-Sensation: Schüttlers Traum geht weiter

VON DIETER KODITEK - zuletzt aktualisiert: 04.07.2008 - 07:08

London (RP). Rainer Schüttler hat seinen erstaunlichen Durchmarsch in Wimbledon mit einem an Dramatik kaum zu überbietenden Marathon-Match und dem Einzug ins Halbfinale gekrönt. Der 32-jährige Korbacher, ältester noch im Wettbewerb verbliebener Teilnehmer, setzte sich im zweitlängsten Match der Turniergeschichte mit 6:3, 5:7, 7:6 (8:6), 6:7 (7:9), 8:6 gegen den Franzosen Arnaud Clement durch.

Die reine Spieldauer der Partie, die sich über zwei Tage hinzog, betrug 5:12 Stunden. Das Match war am Mittwoch nach zwei Sätzen wegen einbrechender Dunkelheit unterbrochen worden, gestern erzwang der Regen zwei längere Pausen.

Es war ein Wechselbad der Gefühle. Jeder der beiden Kontrahenten hatte mehrfach die Möglichkeit, das Duell wesentlich früher zu seinen Gunsten zu entscheiden. Im vierten Satz führte Schüttler bereits 4:1 und 40:15, gab den Vorteil aber wieder aus der Hand.

Im fünften Durchgang wehrte er bei 4:5 und eigenem Aufschlag einen Matchball ab, ehe er mit seinem dritten Matchball im siebten Himmel landete. „Das ist sicher eines der Spiele, die ich nie vergessen werde. Ein verrücktes Match“, sagte er. Der Sauerländer mit Wohnsitz im schweizerischen Altstätten darf heute auf dem berühmtesten Centre Court der Welt gegen den übermächtig erscheinenden spanischen Vorjahresfinalisten Rafael Nadel um den Eintritt ins Finale spielen.

Info

Ansetzungen ab 14 Uhr

Centre Court:
Roger Federer (Schweiz/Nr. 1/TV) - Marat Safin (Russland), Rainer Schüttler (Korbach) - Rafael Nadal (Spanien/Nr. 2)


Die Partie können Sie bei uns im LIVE!-Ticker ab etwa 16.30 Uhr verfolgen.


Ein möglicherweise zweifelhaftes Vergnügen, was Schüttler aber anders sieht. „Ich habe viermal gegen Nadal gespielt und vor vier Jahren in Basel einmal gewonnen. Ich freue mich auf dieses Match. Ich habe nichts mehr zu verlieren“, meinte er augenzwinkernd. Als letzter deutscher Tennisprofi hatte es Michael Stich 1997 bis in die Vorschlussrunde gebracht.

Ein glanzvolles Comeback nach der langen Leidenszeit, die hinter Schüttler liegt. 2003 erreichte er das Endspiel der Australian Open in Melbourne, danach warfen ihn Krankheiten und Verletzungen weit zurück.

Die Rückkehr in die Weltelite wollte trotz aller Bemühungen lange nicht gelingen. Hätte er nicht in der ersten Woche den Weltranglisten-Achten James Blake (USA) bezwungen, so wäre er - wie öfter in den vergangenen Monaten - in die Niederungen der Branche hinabgestiegen und zu einem zweitklassigen Challenger-Turnier nach Cordoba gereist.

Jetzt ist der ehemalige Weltranglisten-Fünfte weit oben angekommen. Ein Platz unter den ersten 40 ist ihm ebenso gewiss wie ein Preisgeld von 187.500 Euro.

Und neues Selbstvertrauen nimmt er ebenfalls aus England mit zu den nächsten Turnieren. Allein die drei Sätze, die Schüttler und Clement austrugen, dauerten länger als beide Halbfinalspiele der Damen, bei denen es morgen zum dritten Mal in Wimbledon zum finalen Duell der beiden Williams-Schwestern kommt.

Venus setzte sich mit 6:1, 7:6 (7:3) gegen die Russin Elena Dementiewa durch, Serena beendete den Weg der Chinesin Jie Zheng mit 6:2, 7:6 (7:5). In beiden bisherigen Endspielen der amerikanischen Geschwister hatte sich Serena durchgesetzt. Es waren ihre einzigen Wimbledon-Triumphe, während die gut ein Jahr ältere Titelverteidigerin (28) die Trophäe bereits viermal gewonnen hat.

Nadal und Federer spielen in einer eigenen Liga

Niemand wird es verhindern können, das große Finale der beiden Rivalen, deren Tenniskünste nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Roger Federer, der fünfmalige Wimbledon-Champion, und Rafael Nadal, der viermalige French-Open-Sieger, werden am Sonntag, so das unstete Wetter es zulässt, zu einem neuen Kapitel ihrer außergewöhnlichen Duelle den berühmten Centre Court im Londoner Südwesten betreten.

So war es in den Endspielen der beiden vergangenen Jahre, und so wird es auch diesmal wieder sein. Unangefochten sind die beiden durch die Instanzen dieses Turniers marschiert. Sie spielen in einer eigenen Liga. Das wird im Halbfinale auch der Russe Marat Safin nicht widerlegen. Mag sein, dass der ehemalige Weltranglisten-Erste dank seiner Unberechenbarkeit den Schweizer ein wenig mehr fordern wird als alle Gegner zuvor. Aber bremsen wird er den Titelverteidiger kaum.

Noch weniger wird Rainer Schüttler eine Hürde für Rafael Nadal sein. In welchen Sphären der spanische Muskelmann derzeit schwebt, das hat er im Viertelfinale beim 6:3, 6:2, 6:4 gegen Britanniens große Hoffnung Andy Murray demonstriert. Der Schotte wird nach diesem Turnier immerhin zum erlauchten Kreis der ersten Zehn der Weltrangliste gehören.

Aber die Unantastbarkeit des Spaniers war einfach frappierend. Nadal fegte wie ein Orkan über den Schotten hinweg, riss ihn und seine Fans aus allen Träumen. Staunend schrieb der „Daily Mirror“: „Murray wurde vorübergehend in eine andere Welt entführt. Es war eine öffentliche Lehrstunde, eine brutale Lektion für ihn.“

Der Lokalmatador war schlicht nur beeindruckt und wusste gar nicht, was er mehr bewundern sollte. „Der schlägt eine Vorhand“, sagte er, „das ist einfach nur lächerlich. Der haut die Bälle so hart und so nah an die Linien, dass du nie deinen Rhythmus findest. Außerdem ist es faszinierend, wie schnell er sich und seinen Schlagarm bewegt und mit welcher Konstanz er das auf jedem Belag beherrscht. Unglaublich. Du stehst vom ersten Ballwechsel an permanent unter Druck.“

Wie chancenlos Andy Murray war, macht diese Statistik deutlich: Er gewann gegen den Aufschlag von Nadal ganze drei Punkte. Fassungslos stellte der Brite hernach fest: „Ich dachte bisher immer, der Return ist einer meiner besten Schläge. Aber ich hatte nicht die geringste Chance. Es ist schon schwierig genug, seinen zweiten Aufschlag zu returnieren, aber gegen den ersten bist du an solchen Tagen machtlos.“

Quelle: RP

 
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