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40 Jahre Wimbledon: Seit Becker ist nichts mehr, wie es war

VON DIETER KODITEK - zuletzt aktualisiert: 02.07.2007 - 10:27

London (RPO). Vor 40 Jahren war das bedeutendste Tennisturnier der Welt noch allein den Amateuren vorbehalten. Danach wurde es zur Spielwiese der Profis. Björn Borg, Steffi Graf, Pete Sampras haben es geprägt. Heute ist Roger Federer der große Star. Unser Redakteur war immer dabei - eine Rückschau.

1967-1976: Der Düsseldorfer Wilhelm Bungert, der aus Mannheim stammte, hatte das Privileg, am letzten Endspiel der All England Championships teilzunehmen, die ausschließlich Amateuren vorbehalten waren. Er unterlag dem Australier John Newcombe mit 3:6, 1:6, 1:6. Angesichts der Vorzüge und des Luxus, die heute die Millionäre des Tennis-Zirkus genießen, waren er und seine Spielgefährten arme Schlucker.

Bungert wohnte in einem preiswerten, einfachen Hotel am Themse-Ufer. Er fuhr jeden Tag die eine Station mit der U-Bahn von East Putney nach Southfields und legte dann einen Fußmarsch über zweieinhalb Kilometer zu der berühmten Turnieranlage zurück. Am Endspieltag stand er mit seinem Vater, der ihn begleitete, vor zunächst verschlossenen Toren.

Er war zu früh an Ort und Stelle, und da selbst für Finalisten keine Extrawurst gebraten wurde, musste er zusammen mit den Zuschauern warten, bis endlich Einlass geboten wurde. Als Preis für seine Final-Teilnahme bekam Bungert einen Gutschein über 80 Pfund, einzulösen beim berühmten Sportartikel-Geschäft Lillywight am Picadilly Circus.

Sechs Jahre später boykottierten 80 Profis das Turnier, weil sie sich mit dem vom Weltverband gesperrten Niki Pilic solidarisierten. Der Jugoslawe hatte sich geweigert, für sein Land im Davis Cup anzutreten. Es gab trotz des Boykotts einen neuen Zuschauer-Rekord, was der zweimalige Grand-Slam-Gewinner Rod Laver mit der bissigen Bemerkung kommentierte: „Dieser Center Court wäre auch ausverkauft, wenn zwei Gorillas hier gegeneinander spielen würden.“ Der Boykott war die Geburtsstunde der heutigen Profi-Organisation ATP.

1977-1986: Zum Jubiläum des 100-jährigen Bestehens kam sogar die Queen und überreichte huldvoll die Trophäe an die letzte englische Siegerin, Virginia Wade. In jenem Jahr ging auch der Stern des Wüterichs John McEnroe auf, der sich so gründlich daneben benahm, dass der All England Club ihm zunächst die für Wimbledonsieger sonst übliche Aufnahme als assoziiertes Mitglied verweigerte.

1985 - die Ära Björn Borg gehörte bereits fünf Jahre der Vergangenheit an, und der Komödiant Ilie Nastase trieb auch keine weiblichen Fans mehr in die Ohnmacht - begann die große Ära der Deutschen. Sie wurde begründet durch einen 17-jährigen, unerschrocken und mit Leidenschaft durch die Instanzen sich schlagenden Teenager namens Boris Becker.

Mit jeder Runde, die er gewann, schwoll das Heer der Berichterstatter aus Deutschland an. Und die TV-Quoten erreichten Rekordhöhen. Das sprach sich auch in England herum, und als Becker das Finale erreicht hatte, stand in der altehrwürdigen Times ein Artikel mit dem Satz: „Jetzt starren alle Deutschen fasziniert auf diesen Center Court, auf den sie gut 40 Jahre zuvor Bomben abgeworfen haben.“

Nachdem Becker das Unfassbare geschafft hatte, als erster Deutscher, als erster Ungesetzter und als jüngster Spieler in der Geschichte des Turniers die wertvollste Trophäe im Welt-Tennis zu gewinnen, versammelte sein rumänischer Manager die deutschen Medienleute im vornehmen Hotel Gloucester in Kensington um sich und machte ihnen unmissverständlich klar, dass nichts mehr so sein werde, wie es mal war. Direkte Kontakte zu seinem Schützling seien künftig genehmigungspflichtig.

1987-1996: Steffi Graf übernahm die Regentschaft, löste zusehends die Rekordgewinnerin Martina Navratilova ab, ohne sie ganz zu erreichen. Die Amerikanerin aus Prag eroberte neun Mal den Titel, die Blondine aus Brühl sieben Mal.

1991 war das ganz große Jahr der Deutschen. Im Herren-Finale standen sich Boris Becker und der aufstrebende Stilist Michael Stich gegenüber, im Damen-Einzel siegte wieder einmal Steffi Graf. Claus Stauder, der Präsident des DTB, war vor dem Herren-Endspiel sehr gespalten.

„Ich weiß gar nicht, was ich mir mehr wünsche - einen viermaligen deutschen Titelträger oder einen zweiten Gewinner des Turniers.“ Nachdem Stich sensationell die Oberhand behalten hatte, begann ein Verhältnis inniger Abneigung zwischen den Stars. Becker wusste genau, dass er ob seiner Emotionen vom Publikum viel mehr geliebt wurde als der unterkühlte Rivale, und ließ keine Chance aus, dies auszuspielen. Höhepunkt der Abneigung war sein Auftritt im ZDF-Sportstudio, wo er stets vom „Spieler Stich“ sprach, wenn auf diesen die Rede kam.

1997-2006: Es folgten die Jahre des Abschieds - allesamt in Wimbledon. 1997, nach einem mitreißenden Halbfinale gegen den Franzosen Cedric Pioline, gab Stich wie aus heiterem Himmel seinen Rücktritt bekannt; 1999 sagten Steffi Graf, nach der Final-Niederlage gegen Lindsay Davenport, und Boris Becker Adieu.

Auch die große Ära des Rekordgewinners Pete Sampras (sieben Titel) neigte sich dem Ende zu. Der Siegeszug des Amerikaners war nur 1996 durch einen Niederländer namens Richard Krajicek unterbrochen worden.

Der ist allerdings weniger durch seinen unverhofften Erfolg als vielmehr durch sein loses Mundwerk in die Annalen des Turniers eingegangen. Eines Tages äußerte er sich in der Pressekonferenz überaus abschätzig über die Qualität des Damen-Tennis und verstieg sich zu der Äußerung: „80 Prozent der Spielerinnen sind fette, faule Schweine.“

Nachdem er von Martina Navratilova, als Wortführerin ihrer Kolleginnen, darob regelrecht angegiftet worden war, erschien Krajicek zur Pressekonferenz nach seinem nächsten Sieg und mimte den reumütigen Büßer. „Ich muss mich korrigieren“, sagte er, „es sind nicht 80, sondern 85 Prozent.“

Heute herrschen wieder andere Töne und bessere Sitten. Roger Federer, der Überflieger der Gegenwart, betritt jetzt sogar den Platz im weißen Anzug - mit langen Hosen und Jackett. Wie einst zu Zeiten Gottfried von Cramms die Gentlemen, die angesichts der Farbe, die ins Spiel gekommen ist, längst ausgestorben schienen. Die Hüter der Tradition in Wimbledon registrieren es mit Wohlwollen.

Quelle: RP

 
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