Was bleibt, sind 50 Asse: Wimbledon verliert seinen Charakter
VON KOMMENTAR VON CHRISTIAN KURTH - zuletzt aktualisiert: 06.07.2009 - 11:58London (RPO). Pete Sampras war da, Boris Becker auch - und natürlich "Big Mac" John McEnroe. Große Spieler vergangener Tage saßen in der Royal Box beim bedeutendsten Tennis-Turnier der Welt - sie waren nach Wimbledon gekommen, um das Endspiel zwischen dem Schweizer Roger Federer und dem US-Amerikaner Andy Roddick zu genießen. Doch ein Genuss war es nun wirklich nicht.
Dabei war es spannend. Über vier Stunden beackerten sich die Kontrahenten in nervenaufreibenden fünf Sätzen. Aber im Ernst: Das war doch kein Tennis - zumindest nicht nach den Maßstäben, die in Wimbledon angelegt werden müssen.
Wo war der berühmte Becker-Blocker? Gab's nicht. Wie auch, wenn man den Gegner nur in Ausnahmefällen passieren kann. Denn in 77 Spielen kam Champion Federer (5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14) nur 59 Mal ans Netz. Roddick stürmte zumindest 69 Mal nach vorne. Aber das ist kein Vergleich zu den 90ern, in denen der Aufschläger unaufhörlich den Weg ans Netz suchte. Heute ist der Rasen hinter der Grundlinie ramponiert.
Wo waren die Wutausbrüche à la McEnroe ("You can't be serious!")? Heute wird bei vermeintlichen Fehlentscheidungen mal eben der Finger leicht nach oben gerichtet, um dem Schiedsrichter zu signalisieren, dass er den Ballwechsel von einer Computer-Animation prüfen lassen soll.
"Wo sind wir eigentlich?", wird sich sicher auch Pistol-Pete Sampras gefragt haben, der früher mit beinahe jedem Vorhandschlag den Punkt erzwang. Der heilige Rasen ist ein paar Millimeter länger worden. 20 Ballwechsel vor einem Punktgewinn sind keine Seltenheit.
Ach ja, und was ist eigentlich mit den Regenunterbrechungen? Die gibt es auf dem Center Court auch nicht mehr. Da haben sie ein Dach gebaut.
Und dann sind da noch die VIP-Boxen, die der Fernseh-Regisseur nach den Ballwechseln immer wieder einblendet. Früher kloppte Becker-Coach Günther Bosch dem Becker-Manager Ion Tiriac auf den Rücken. Heute sitzen da hochschwangere Spielerfrauen.
"Pistol-Pete" oder "Bum-Bum Becker" - nur eine Statistik hat die beiden Aufschlagspezialisten das eigene Wohnzimmer wiedererkennen lassen: Roger Federer schlug im Finale 50 Asse.
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